Archiv der Kategorie: Horror & Unheimliches

Eric Van Lustbader – Four Dominions (Testament, Band 3)


Okkult-Thriller: Die Wiederkehr Luzifers wird vorbereitet

Luzifers Testament ist endlich in den Händen von Braverman Shaw und seiner Schwester Emma. Doch sofort entfaltet es seine teuflische Wirkung und der darin verborgene Dämon übernimmt Emmas Seele und Geist. Um ein Haar hätte sie ihren Bruder getötet. Der Dämon ist einer der hundert gefallenen Engel, die einst Luzifer in die Hölle folgten und nun als Wegbereiter seine kommende Weltherrschaft vorbereiten. Wird Bravo rechtzeitig genesen und Hilfe finden, um sie aufzuhalten, bevor „die Summe aller Schatten“ (Band 4) die Macht über die Welt übernimmt?
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Lovecraft, H. P. – Cthulhu. Geistergeschichten


Kosmisches Grauen oder nur Xenophobie?

Seine grundlegende Idee, daß der Mensch sich fürchtet vor dem Unbekannten und Unheimlichen aus den unermeßlichen Tiefen des Universums, verwendete Lovecraft erfolgreich bei der Schöpfung seiner Cthulhu-Mythologie, die in den Erzählungen des vorliegenden Bandes Cthulhu das Kernstück bildet. Der Cthulhu-Mythos ist eine Wiederbelebung alter Sagen und Dämonengeschichten im kosmischen Rahmen und stellt eine Verbindung zwischen Weird- und Science-Fiction her. (Verlagsinfo) Diese Sammlung enthält einige der wichtigsten der 55 Erzählungen, die Lovecraft geschrieben hat. „Cthulhus Ruf“ und „Das Grauen von Dunwich“ sind zentrale Geschichten des Cthulhu-Mythos.

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Die Erzählungen

1) Cthulhus Ruf (1928): Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem Cthulhu-Mythos und den Großen Alten, die von den Sternen kamen, beschäftigt.

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten. Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einer der Großen Alten. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden. – Der Erzähler hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

Mein Eindruck

Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers/Hörers anzuregen und ihn schaudern zu lassen. Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

2) Pickmans Modell (1927)

Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend.

Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch dick und dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Copse-Hill-Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler.

Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als das bislang Gesehene: Leichenfresser aus der Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen.

Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …

3) Die Ratten im Gemäuer (1924)

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham-Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De la Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert nach Virginia auswandern musste.

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter. Sie stammen angeblich von den Römern des 2. Jahrhunderts, und hier wurden abscheuliche Riten für die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele abgehalten und für den dunklen Gott Atys, der ebenfalls aus Kleinasien stammte. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher Zeit, und wer weiß, was damals im Tempel geopfert wurde.

Nach einer Woche hört De la Poer das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „Archeologen“, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe. Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterdische Stadt aus uralter Zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten, angeführt von Nyarlathotep, einem der Großen Alten …

Mein Eindruck

Wie [„Schatten über Innsmouth“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=506 ist „Ratten“ eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann.

4) Die Musik des Erich Zann (1925)

Diese kurze Geschichte ist sehr stimmungsvoll und detailliert erzählt. Sie spielt in Paris, und der „Student der Metaphysik“, der uns berichtet, findet die bewusste enge Straße nicht mehr, in der er in einem Mietshaus zum ersten Mal die Musik jenes stummen deutschen Geigers gehört hatte, den er als Erich Zann kennen lernte. Die Musik, die Zann ihm vorspielte, wenn sein Besucher im Zimmer war, ist normal: Fugen. Doch sobald er gegangen war, spielte er so unheimliche Melodien, dass den Studenten grauste. Bis zu jenem Tag, da der Besucher den Vorhang vor dem Fenster entfernte und die gähnende Schwärze des gierigen Kosmos dahinter schaute – und von dort eine Antwort erklang …

5) Der leuchtende Trapezoeder (1936: The Haunter of the Dark)

Wurde der Anthropologe Robert Blake in der Nacht des 8.8.1935 vom Blitz erschlagen? Oder hat ihn sich eine Kreatur der Großen Alten geschnappt? Die Meinungen der Gelehrten und Experten gehen auseinander. Was hier also erzählt wird, hält sich an Blakes Tagebuch. Darin berichtet er von seiner Faszination mit dem düster emporragenden Kirchturm aus dem Federal Hill des Städtchens Providence (wo auch HPL lebte). Bei näherer Untersuchung zeigt sich, dass das verwahrloste Gebäude schon seit fast 60 Jahren keinen sakralen Charakter mehr hat. Ab 1846 hatte ein Archäologe hier einen Sektenkult namens Starry Wisdom (Weisheit von den Sternen) eingerichtet.

Blake findet in der Turmstube, wo eigentlich Glocken sein sollten, nur sieben leere Stühle und Steinplatten, ein Reporter-Skelett aus dem Jahr 1897 – und eine Schatulle mit einem leuchtenden Stein darin. Hineinschauend erblickt er grauenerregende kosmische Weiten und schwarze Planeten, wo die Großen Alten hausen. Dann begeht er einen schwerwiegenden Fehler: Von einem Geräusch über sich erschreckt, klappt er die Schatulle zu. Da nun kein Licht mehr das Ding im Turmhelm fernhält, treibt es alsbald lautstark sein Unwesen in der entweihten Kirchen, so dass die gläubigen italienischen Einwanderer das Zähneklappern kriegen. Doch das Ding weiß, wo sich Blake aufhält und holt ihn …

Mein Eindruck

Dies ist eine sehr dicht aufgebaute und stimmungsvoll erzählte Geschichte, die zielbewusst auf den grauenerregenden Schluss zusteuert, der nur aus panischem Gestammel des Tagebuchschreibers besteht. Aus dem, was Blake in der alten Kirche fand, haben andere Autoren ganze Erzählungen geschmiedet. Und weil so viele Fragen offen blieben, schrieb Robert Bloch eine Fortsetzung (abgedruckt in [„Hüter der Pforten“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=235 Bastei-Lübbe).

6) Das Grauen von Dunwich (1929)

In der ländlichen Gegend der Aylesbury-Hügel Neuenglands soll es laut der Story mehrere Opferstätten gegeben haben, mit stehenden Steinen und Felsplatten, auf denen satanische Riten vollzogen wurden. (Merke: Nahe dem englischen Aylesbury befindet sich Stonehenge, und die Story kann als Kommentar auf englische Verhältnisse gedeutet werden.) Die wichtigste davon ist der Sentinel Hill: Hier stinkt es, und der Berg grollt – besonders zu Walpurgis (30.4.) und Halloween (31.10.).

Die Menschen, die hier siedeln, sind einfache Bauern – mit zwei Ausnahmen: den bessergestellten Sippen der Whateleys und der Bishops, die beide aus Salem stammen, wo im 17. Jahrhundert die berühmten Hexenprozesse stattfanden. Es geht um einen Sippenzweig, den man allgemein die Hexen-Whateleys nennt und der abgelegen wohnt.

Am 2.2.1913 kommt Wilbur Whateley zur Welt, und sein Vater ist unbekannt. Seine Mutter ist die albinoweiße und entstellte Lavinia, die im Haus ihres Vaters, des Alten, lebt. Wilbur wächst rasend schnell, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, und sieht aus wie ein Ziegenbock. Er versetzt alle Hunde in Wut und erschießt auch den einen oder anderen. Schon mit vier Jahren ist er so groß wie ein 15-Jähriger. Sein Vater lehrt ihn die Geheimnisse der Großen Alten. Im Obergeschoss lebt aber noch ein weiteres Wesen, das man nie zu Gesicht bekommt, sondern nur hören und – leider – riechen kann.

Als der Alte stirbt, bekommt der junge Wilbur, inzwischen über 2,10 Meter groß, ein Problem: Er muss die Verbindung zwischen dem Wesen im Obergeschoss und dessen Vater Yog-Sothoth herstellen, damit es gelenkt werden kann. Leider fehlt ihm dazu die korrekte Beschwörungsformel in seiner Ausgabe des verbotenen Buches „Necronomicon“. Durch seinen (vergeblichen) Besuch in der Uni-Bibliothek von Arkham alarmiert er die dortigen Gelehrten, der sofort alle anderen Bibliotheken verständigt. Daher versucht Wilbur eines Nachts, das Buch aus der Uni zu rauben – und der Anblick, der sich den Gelehrten bietet, ist nicht abdruckfähig.

Während der Bibliotheksleiter Dr. Henry Armitage fieberhaft das Tagebuch Wilburs zu entschlüsseln versucht, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, bricht das Wesen in Dunwich aus und verbreitet Angst und Schrecken: Durch Unsichtbarkeit unangreifbar, frisst es nicht nur Viehherden, sondern auch deren Besitzer.

Doch dann findet Armitage eine Gegenbeschwörung, und zusammen mit zwei Kollegen sowie den Bauern der Gegend ziehen die Ghostbuster aus, dem dämonischen Ungeheuer, das bislang niemand gesehen hat, aber groß wie ein Haus sein muss, den Garaus zu machen.

Mein Eindruck

Dieser fast 70 Seiten lange Kurzroman ist in zehn Kapitel eingeteilt und konsequent auf die Erzielung eines bestimmten Effektes – kosmischen Grauens – ausgerichtet. Der Horror kommt in sich steigernden Stufen, eine unheilvoller als die vorangegangene – bis zum Finale und einer Pointe, die auf den Anfang verweist, wodurch sich die schauderhafte Wirkung noch einmal potenziert (also nichts für zarte Gemüter).

Die Übersetzung

Erst die Übersetzung durch H. C. Artmann in den 1970er Jahren machte Lovecraft im deutschsprachigen Raum richtig bekannt, davor war er nur ein Geheimtipp gewesen. Von da an galt Lovecraft als eine der drei Stützen der amerikanischen Horrorliteratur, neben E. A. Poe und Ambrose Bierce.

Artmanns Leistung liegt in der vielfältigen Beschreibung des Grauens, das Lovecraft vermittelt möchte, in der Nachahmung der etwas altertümlichen Diktion und in der Übertragung von Dialekt und Akzent einzelner Sprecher.

Dennoch stehe ich Artmann kritisch gegenüber. Beim Vergleich von „Cthulhus Ruf“ mit der modernen Übersetzung von Andreas Diesel erweist sich nämlich, dass Artmanns Fassung unvollständig, altertümelnd (absichtlich?) und stellenweise verfälschend ist: Für moderne Leser, die ohne Vorbereitung darauf stoßen, ist sie stellenweise wohl unverständlich.

Die Übersetzung von Andreas Diesel findet sich der Ausgabe des Festa-Verlags, die die Grundlage für das Hörbuch [„Der Cthulhu-Mythos“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=524 bildet, das bei |Lübbe Audio| & |LPL records| Ende 2003 erschien.

Unterm Strich

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft zahlreiche – verbürgte oder meist gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys [„Necroscope“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=779 oder Hohlbeins „Hexer von Salem“ wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte (er schrieb Briefe wie andere Leute E-Mails), ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: Xenophobie nennt man dieses Phänomen. Darüber hinaus hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb. Degeneration ist das Hauptthema in „Grauen von Dunwich“ und „Schatten über Innsmouth“.

Aber wie im Vorwort dieses Buches von Giorgio Manganelli zu lesen ist, reicht Lovecrafts Grauen weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit.

Bezeichnend ist, dass selbst Kirchen wie die in Providence längst „verfallen“ und „entweiht“ sind: ebenso Zeichen für den menschlichen wie religiösen Verfall wie der schreckliche Gestank, der von solchen Stätten ausgeht. Managanelli drückt es so aus: „Der Geruch ist die Glorie der Auflösung.“ Er ist ebenso wichtig wie die Deformation, die das Böse und jedwede Entartung bei Lovecraft aufweisen.

Geprägt von einer sehr unglücklich verlaufenden Familiengeschichte, die er auf Dekadenz und Degeneration zurückführt, beschreibt Lovecraft in seinen Monstren letzten Endes denjenigen, den er am besten aus eigener Erfahrung kennt: sich selbst. Also sprach Manganelli.

Dan Simmons – Im Auge des Winters (Elm Haven 2)

Ungewöhnlicher, spannender Geister-Thriller

„Im Auge des Winters“ ist die Fortsetzung des preisgekrönten Horror-Romans „Sommer der Nacht“. Dreißig Jahre nach dem mysteriösen Mord, der seine Jugend überschattet hat, kehrt Dale Stewart, Professor an der Universität von Montana, gealtert in die kleine Provinzstadt Elm Haven in Illinois zurück. Vieles hat sich verändert – doch eines ist gleich geblieben: Das Böse ist immer noch dort.

Diesmal ist die Landschaft winterlich und unsicher. Nicht alle Wesen, denen Dale Stewart, begegnet, sind menschlich, auch wenn ihm das nicht sofort auffällt. Und es ist auch nicht immer eindeutig klar, ob Dale Stewart selbst ein Mensch ist. Möglicherweise ist er nach seinem gescheiterten Selbstmordversuch beides: ein Mensch UND ein Geist. Das würde zumindest einiges erklären…
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James Turner (Hrsg.) – Hüter der Pforten. Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

Cthulhu noster: Vielfalt des Mythos, Grusel der Geister

Die von Jim Turner herausgegebene Anthologie sammelt zweiundzwanzig Cthulhu-Erzählungen von zum Teil recht bekannten Autoren wie etwa Stephen King oder Robert Bloch. Selbstredend ist auch H.P. Lovecraft darunter vertreten, mit zwei seiner unvergleichlichen Erzählungen um die Großen Alten.
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Dean Koontz – Schwarze Fluten (Odd Thomas 5)

Die Methusalem-Maschine

Eigentlich ist Odd Thomas ein bescheidener, sympathischer Schnellimbisskoch. Doch er hat besondere Fähigkeiten: Er kann die Geister der Toten sehen. Diesmal ist es eine ermordete Frau, die seine Hilfe sucht. Er soll ihren kleinen Sohn retten – vor dem eigenen Vater.

Gemeinsam mit seiner hochschwangeren Begleiterin Annamaria gelangt Odd Thomas auf den Landsitz eines mächtigen Filmproduzenten. Da Odd geradezu körperlich angezogen wird von dunklen Geheimnissen und unmenschlicher Gewalt, überrascht ihn eine unheilvolle Geistererscheinung dort nicht: Eine ermordete Frau erscheint ihm und fleht ihn an, ihr Kind zu retten, das in tödlicher Gefahr schwebt.

Also durchstreift Odd das Anwesen, findet aber zunächst statt eines Kindes nur weitere Schrecken: ein Mausoleum voller ermordeter Frauen, am helllichten Tag einbrechende Nacht und dunkle, menschenähnliche Kreaturen, die gnadenlos Jagd auf ihn machen. Offensichtlich hat sich der Hausherr mit bösen Kräften verbunden. Aber zu welchem Zweck? (Verlagsinfo)

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Jonathan Carroll – Die Stimme unseres Schattens

Die Kindheit holt dich ein

Nach „Land des Lachens“ ist dies Carolls zweiter Roman (1983). Er steht in einer Reihe mit „Land des Lachens“ und „Laute Träume“. Der Autor hat viel praktische Erfahrung mit dem Tod, und auch diesmal geht es darum. Allerdings porträtiert hier Caroll mit der Figur Ross einen wirklich existenten Kumpel und Mörder, den er mit zwölf Jahren, als er selbst „ein jugendlicher Krimineller“ war, kennen lernte – und ihn bewunderte. Man darf dann wohl annehmen, das Joe Lennox gewisse Züge von Carroll selbst aufweist. Welche das sind, möge der Leser selbst herausfinden.
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Lovecraft, H. P. – Vom Jenseits. Horrorgeschichten

Preiswerter Einstieg in Lovecrafts Universum

Makabres, Unheimliches, Phantastisches: H.P. Lovecrafts (1890-1937) Ruhm als Meister des kosmischen Grauens entspringt der Fähigkeit, in seinen Erzählungen nicht nur Momentaufnahmen, sondern ganze Panoramen des Schreckens zu entwerfen. Lovecraft ist der Erfinder eines beklemmenden Horrors, der dann am effektivsten ist, wenn er dem Kopf des Lesers entspringt.

Die Sammlung „Vom Jenseits“ umfasst 32 Erzählungen, darunter „Cthulhus Ruf“ und „Das Grauen von Dunwich“ sowie den selten abgedruckten Kurzroman „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“. Neu übersetzt und erstmals zusammen in einem Band gesammelt, gehören diese Geschichten laut Verlag zu den Klassikern der Horrorliteratur. Mal sehn, ob das Buch diesen Anspruch einlösen kann.

Der Autor

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“. Die Welt ist kein gemütlicher Ort – und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Auf Einstein verweist HPL ausdrücklich in seinem Kurzroman „Der Flüsterer im Dunkeln“.

Die Erzählungen

Pickmans Modell (1927)

Der Großmeister des Horrors bemüht diesmal keine Großen Alten mit unaussprechlichen Namen, sondern ein paar simple Maler. Denkt man. Der Malerverein von Boston, Massachusetts, steht offenbar kurz davor, sein Mitglied Pickman auszuschließen. Seine Ansichten sind ja schon absonderlich, doch seine Motive sind – ja was? – grauenerregend.

Doch ein Kollege namens Thurber, der Ich-Erzähler, hält zu Pickman durch Dick und Dünn. Und so wird ihm die Ehre zuteil, Pickmans anderes Haus besuchen zu dürfen. Es liegt in einem uralten und verwinkelten Viertel, dem North Hill, nahe dem Corpse Hill Friedhof. Man sagt, das Viertel stamme aus dem 17. Jahrhundert, als im nahen Salem die Hexen gehängt wurden. Pickmans Ahnin sei eine davon gewesen, bestätigt der Künstler.

Die Motive der Gemälde und Studien, die Thurber zu sehen bekommt, sind noch um einiges erschreckender als das bislang Gesehene: Leichenfresser aus der Spezies von Mischwesen aus Mensch, Hund und Ratte, die Schläfern auf der Brust hocken (à la Füßli) und sie würgen.

Das Beste wartet aber im Keller, wo sich ein alter Ziegelbrunnen befindet, der möglicherweise mit den alten Stollen und Tunneln verbunden ist, die North Hill und den Friedhof durchziehen. Hier fallen Revolverschüsse, und Thurber gelingt es, ein Foto zu erhaschen, das die Vorlage zu Pickmans neuestem Gemälde zeigt. Was Thurber bislang für Ausgeburten einer morbiden Fantasie gehalten hat, ist jedoch konkrete, unwiderlegbare Realität …

Die Katzen von Ulthar

Die sehr kurze Story erklärt, wie es kam, dass in dem Städtchen Ulthar keine Katze mehr getötet werden darf. (HPL liebte Katzen.) Zu den geschilderten Ereignissen gehört auch das Eingreifen einer Göttin, der ägyptischen Gottheit Bastet.

Die Musik des Erich Zann (1925)

Diese kurze Geschichte ist sehr stimmungsvoll und detailliert erzählt. Sie spielt in Paris, und der „Student der Metaphysik“, der uns berichtet, findet die bewusste enge Straße nicht mehr, in der er in einem Mietshaus zum ersten Mal die Musik jenes stummen deutschen Geigers gehört hatte, den er als Erich Zann kennen lernte. Die Musik, die Zann ihm vorspielte, wenn sein Besucher im Zimmer war, ist normal: Fugen. Doch sobald er gegangen war, spielte er so unheimliche Melodien, dass den Studenten grauste. Bis zu jenem Tag, da der Besucher den Vorhang vor dem Fenster entfernte und die gähnende Schwärze des gierigen Kosmos dahinter schaute – und von dort eine Antwort erklang …

Die Anderen Götter

Der alte Weise Barzai wagt es, die Erdengötter auf ihrem heiligen Berg Hatheg-Kla zu besuchen. Wie sein Gehilfe Alar jedoch befürchtet, ereilt den Frevler am Gipfel ein schlimmes Schicksal: Er findet nicht die Erdengötter, sondern die Anderen Götter – und die lassen sich mit sich spaßen …

Cthulhus Ruf (1928)

Dies ist die grundlegende Erzählung, die jeder kennen muss, der sich mit dem Cthulhu-Mythos und den Großen Alten, die von den Sternen kamen, beschäftigt.

Der Erzähler untersucht die Hintergründe des unerklärlichen Todes seines Großonkels Angell, eines Gelehrten für semitische Sprachen, der mit 92 starb. Angel hatte Kontakt zu einem jungen Bildhauer namens Wilcox, der ein Flachrelief sowie Statuen erschuf, die einen hockenden augenlosen Oktopus mit Drachenflügeln zeigten. Wie sich aus anderen Quellen ergibt, ist dies der träumende Gott Cthulhu (sprich: k’tulu), einer der Großen Alten. Er wird in Westgrönland ebenso wie in den Sümpfen Louisianas verehrt, wo man ihm Menschenopfer darbringt. Am wichtigsten aber ist der Bericht eines norwegischen Matrosen, der im Südteil des Pazifiks auf eine Insel stieß, wo der grässliche Gott inmitten außerirdischer Architektur hervortrat und die Menschen verfolgte – genau zu jenem Zeitpunkt, als Angells junger Bildhauer (und viele weitere Kreative) verrückt wurden. Der Erzähler hat alle Beweise zusammen: Cthulhu und seine Brüder warten darauf, die Erde zu übernehmen, alle Gesetze beiseite zu fegen und eine Herrschaft totaler Gewalt und Lust zu errichten. Man brauche sie nur zu rufen, und sie würden in unseren Träumen zu uns sprechen …

Die Geschichte ist trotz ihres recht verschachtelten Aufbaus durchaus dazu angetan, die Phantasie des Lesers/Hörers anzuregen und ihn schaudern zu lassen. Das Erzählverfahren ist überzeugend, denn zuerst werden mehrere Berichte eingesammelt und überprüft, bevor im Hauptstück, dem Augenzeugenbericht eines Matrosen, das Monster endlich selbst auftreten darf, um seinen langen Schatten durch die Geschichte/Historie zu werfen.

Der boshafte Geistliche

Der Erzähler untersucht den Fall eines Geistlichen, der verschwunden ist. In dessen Bibliothek stößt er nicht nur auf esoterische, mitunter verbotene Schriften, sondern auch auf eine seltsam Lampe, die ein radioaktiv wirkendes Licht ausstrahlt. Daraufhin erscheinen Geister von Geistlichen – und werfen die Bücher ins Kaminfeuer. Doch der Geist des Verschwundenen will sich erhängen. Da geht unser Chronist dazwischen – und erleidet ein sonderbares Schicksal.

In der Gruft

Der alte Säufer George Birch ist im Jahr 1881 Totengräber, als ihm eine merkwürdige Sache widerfährt, die seinen Charakter verändert. Er soll neun Leichen aus ihren Gräbern holen und sie in die geräumige Gruft umbetten – in frischen Särgen. Leider scheint er dabei unvorsichtig zu sein, denn plötzlich bricht der Riegel an der Tür ab, die Tür fällt zu – und Birch ist in der Gruft eingeschlossen. Den einzigen Ausweg stellt ein Oberlicht dar, doch um dieses zu erreichen, muss er die neun Särge übereinander stellen. Als sein Fuß beim Hinaufsteigen in einen der Särge einbricht, krallen sich ihm unsichtbare Fingernägel in die Wade …

Die Ratten im Gemäuer

Ein Amerikaner aus Massachusetts hat in England das seit alters her verfluchte Gemäuer der Exham-Priorei wieder bezogen. Es ist der 16. Juli 1926. De la Poer, vormals Delapore, ist der Letzte seines Geschlechts, das in der Priorei seit dem 13. Jahrhundert gelebt hatte, bis Walter de la Poer im 17. Jahrhundert nach Virginia auswandern musste.

Doch die Grundmauern der Priorei sind weitaus älter. Sie stammen angeblich von den Römern des 2. Jahrhunderts, und hier wurden abscheuliche Riten für die Fruchtbarkeitsgöttin Kybele abgehalten und für den dunklen Gott Atys, der ebenfalls aus Kleinasien stammte. Wie De la Poer herausfindet, stammen die ältesten Mauern noch aus jungsteinzeitlicher Zeit, und wer weiß, was damals im Tempel geopfert wurde.

Nach einer Woche hört de la Poer das erste Trapsen und Trippeln in den Mauern seines Schlafgemachs. Auch alle neuen Katzen sind aufgeregt. Zusammen mit seinem Nachbarn Captain Norrys untersucht er den Keller und stößt auf den Altarstein der Kybele. Doch Norrys entdeckt, dass darunter noch eine Etage sein muss. Mit mehreren Gelehrten, darunter „Archeologen“, erforscht man den Tunnel unter dem Altarstein. Massenhaft Skelette, die Knochen von Ratten zernagt, bedecken die Treppe. Doch das Schlimmste kommt erst noch: eine unterdische Stadt aus uralter Zeit, in der nicht Menschen, sondern die Ratten das Kommando hatten, angeführt von Nyarlathotep, einem der Großen Alten …

Wie „Schatten über Innsmouth“ ist „Ratten“ eine Geschichte über Degeneration in einer Familie (genau wie in HPLs eigener) und was daraus wurde. Nur verstößt die Form der Degeneration gegen so große und viele Tabus, dass man es hier nicht wiedergeben kann. Die Story ist eine der am häufigsten abgedruckten des Meisters aus Providence.

Hypnos

Ein Künstler berichtet von dem grausigen Schicksal, das seinem besten Freund widerfahren ist. Als sie jung und wild waren, begannen sie, die Grenzen des Bewusstseins mittels Drogen hinauszuschieben und die Grenzen des Weltalts zu erkunden. Sein Freund äußerte sogar einmal den frevlerischen Wunsch (aber nicht laut), das bekannte Weltall beherrschen zu wollen.

Doch was er stattdessen fand, muss, so steht zu vermuten, im Sternbild der Corona Borealis (der nördlichen Krone) eine finstere und entsetzliche Macht gewesen sein. Der Freund alterte schneller als unser Chronist. Und als beide in London in einer Dachkammer hausen, gehen ihnen die Drogen aus. Und so hat der Freund keinen Schutz, als Corona Borealis aufsteigt und seinen unheilvollen Einfluss auf den Schlafenden ausübt …

Die Schreie unseres Berichterstatters rufen Nachbarn und Polizisten herbei. Doch seltsamerweise beglückwünschen sie ihn, denn er hat offensichtlich den schönsten klassischen Marmorkopf seit dem alten Hellas geschaffen. Und auf dem Sockel des Kopfes von unvergänglicher Schönheit steht eingemeißelt: HYPNOS. Schlaf.

Iranons Suche (1939)

Ein junger Mann, der sich Prinz Iranon nennt, trifft in der Stadt Teloth ein. Er möchte hier seine Lieder und Träume vortragen. Doch die Stadtherren halten wenig davon, vielmehr soll er sich beim Schmied melden, denn jeder Mann hier in Teloth habe einer ehrlichen Arbeit nachzugehen. Iranon lehnt betrübt ab. Er suche das im Mondlicht strahlende strahlende Aira, wo er sicherlich geboren worden sei. Nur ein Junge namens Nomrod schließt sich ihm auf der Suche nach Aira an. Möglicherweise ist das schöne Oonai, die Stadt des Tanzes und der Lieder, identisch mit Aira. Mal sehen.

Zusammen wandern Iranon und Nomrod viele Jahre, ohne Aira zu finden, doch während Nomrod zu einem Mann heranwächst, zeigt die Stirn Iranons keine einzige Falte und sein Haar keine einzige graue Strähne. Und so gelangen sie nach Oonai, und tatsächlich kann hier der Sänger seine Träume und Lieder vortragen, wofür ihn der König mit einem alten Purpurmantel belohnt. Unterdessen wird Nomrod dick und fett und lässt es sich wie Dionysos gut gehen. Bis zu einem frühen Tod.

Da zieht Iranon weiter, lässt allen Tand hinter sich und durchquert die Weiten der Welt, bis er zur Hütte eines alten Mannes kommt, der auf einem Abhang über einem tückischen Sumpf wohnt. Und von diesem Alten erfährt Iranon von seiner eigenen Herkunft und der sagenhaften Stadt Aira …

Das Weiße Schiff

Ein Leuchtturmwärter an der Ostküste träumt von jenem Weißen Schiff, das jedes Jahr aus dem Süden zu kommen pflegt. An Bord winkt ihm stets ein alter bärtiger Mann, mitzukommen. Doch da der Schiffsverkehr immer weniger geworden, hat der Wärter nichts zu tun, und so geht er diesmal „auf den Mondscheinstrahlen“ hinüber zum Schiff. Man segelt nach Süden und folgt einem blauen Vogel: in die Länder Zar, Thalarion und Xura. Alle sind zwar wunderschön und üppig, doch ihr Geruch entstammt einem Leichenhaus. Dafür ist Sona-Nyl, das „Land der Phantasie“, grün und fruchtbar und sicher, wo weder Schmerz noch Tod vorkommen.

Entgegen dem Rat des alten Mannes will jedoch unser Leuchtturmwärter jenseits der Basaltsäulen des Westens segeln, ins „Land der Hoffnung“. Doch, ach!, dort wartet nur ein rauschender Katarakt, in dem das Weiße Schiff zerschellt. Und als er wieder erwacht, findet er tatsächlich am Fuße der Klippen, auf denen sein Leuchtturm steht, den blauen Vogel tot und die Balken des Weißen Schiffs zerbrochen.

Diese schöne Story à la Lord Dunsany und E.R. Eddison ist natürlich höchst allegorisch: „Land der Phantasie“ und „Land der Hoffnung“ sind eindeutige sprechende Namen. Die Bedeutung ist entsprechend klar: Während die Phantasie sicher, schmerz- und todlos ist, trügt der Schein des „Landes der Hoffnung“ ebenso wie die Länder der Schönheit. Hier macht der Autor eine eindeutige Aussage: Er zieht die Phantasie der Realität und ihren Illusionen vor.

In den Mauern von Eryx (zusammen mit Kenneth Sterling)

Was wie eine planetare Abenteuergeschichte beginnt, endet in einem Albtraum. Die Menschen haben die dschungelüberwucherte Venus erobert, um dort Kristalle abzubauen, die der irdischen Energieerzeugung dienen. Doch auf dem Planeten leben reptilienartige Echsenmenschen, denen die Kristalle offenbar heilig sind. Als ein Mitarbeiter der Crystal Company auf dem Plateau von Eryx einen Kristall entdeckt, sind daher Echsenmenschen nicht weit. Bestimmt beobachten sie sein Bemühen, sich des Kristalls zu bemächtigen. Doch wie sich herausstellt, handelt es sich um eine Falle.

In dieser Falle hat sich bereits ein anderer Mitarbeiter gefangen. Als sich der neue Mitarbeiter, unser Berichterstatter, vorsichtig nähert, stößt er auf eine unsichtbare Mauer. Schlammbewurf zeigt, dass sie mit sechs Metern Höhe zu hoch zum Überklettern ist. Es muss also Öffnungen geben. Der Chronist begibt sich in das Labyrinth von Eryx, um an den Kristall heranzukommen …

Kühle Luft

Ein Mann fürchtet sich vor kühler Luft, und mit seiner Geschichte erklärt er den Grund dafür. Als er in New York City einer schlecht bezahlten Arbeit nachging, stieß er bei seiner Quartiersuche endlich auf ein recht gut erhaltenes dreistöckiges Herrenhaus, wo eine Spanierin namens Herrero möblierte Zimmer vermietete. Der Nachbar im Stock darüber war ein seltsamer Kauz. Dr. Munoz hat eine Ammoniakpumpe zwecks Kühlung seiner Räume eingerichtet und hält die Zimmertemperatur stets so niedrig wie möglich. Er behauptet, seine Krankheit zwinge ihn dazu.

Doch eines Tages fällt diese Kühlung aus. Während der Erzähler verzweifelt Eis und ein Ersatzteil herbeischafft, um seinem Bekannten zu helfen, kommt es zu einer Entwicklung, die dem zufälligen Besucher Grauen einjagt. Als endlich unser Erzähler eintrifft, gibt es für Munoz keine Rettung mehr. Das Schlimmste aber steht auf Munoz’ letzter Nachricht …

Diese Story erinnert an Poes Geschichten über „mesmerisierte“ Scheintote wie etwa im Fall Valdemar. Der Tod kann vielleicht scheinbar aufgehalten werden, doch wenn das eingesetzte Mittel versagt, sind die Folgen umso grässlicher.

Jenseits der Mauer des Schlafs

Ein Arzt, der an einer staatlichen Nervenheilanstalt arbeitet, untersucht den merkwürdigen Fall des Joe Slater. Dieser einheimische Bergbewohner Neuenglands ist zwar geistig minderbemittelt, kann aber in bestimmten, dem Wahnsinn ähnlichen Geisteszuständen grandiose Visionen formulieren. Dieses Paradox versucht der Arzt mit Hilfe einer selbstgebauten Apparatur aufzulösen, die ihm die Gedankenübertragung von Joes Gehirn zu seinem erlaubt.

Tatsächlich funktioniert das Experiment am 21. Februar 1901. Joes Geist durchdringt die titelgebende Mauer und betritt ein wunderbares Reich des Geistes. Dort begegnet er seinem Licht-Bruder, einem außerirdischen Geistwesen. Dieses erzählt dem Arzt von einem Unterdrücker, der ihm Unrecht angetan habe. Er, der Licht-Bruder, werde den Unterdrücker besiegen. Schon bald werde der Arzt ein Zeichen am Sternenhimmel sehen sehen, das als Beweis dienen soll …

Der Alchemist

Der letzte Angehörige eines verfluchten französischen Adelsgeschlechts berichtet, wie es ihm gelang, dem Fluch zu entgehen. Er ist bereits 90, doch der Fluch bringt den männlichen Erben der Familie den Tod, wenn sie erst 32 sind. Es war im 13. Jahrhundert, als der herrschende Graf den sogenannten „Alchemisten“, den Vater eines Zauberers, im Zorn erdrosselte. Der plötzlich verwaiste Sohn Charles le Sorcier belegte den Grafen mit dem Fluch, dass keiner seiner Nachkommen älter werden sollte, als er jetzt war und tötete ihn mit einem Gift.

600 Jahre lang zeigte der Fluch Wirkung, bis unser Chronist nur noch eine Woche hat, bis er selbst an der Reihe ist. Da durchstöbert er die letzten Winkel und Ecken der längst verlassenen Burg seiner Vorfahren und stößt tatsächlich auf ein unbekanntes Verlies. Wer ist der mittelalterlich gekleidete Mann, der ihn da in heruntergekommenem Lateinisch anschnauzt?

Das Mond-Moor

Denys Barry ist aus Amerika nach Irland ins Land seiner Väter zurückgekehrt und hat den alten Familiensitz Schloss Kilderry wieder hergerichtet. Das finden die Bauern der Grafschaft Meath völlig in Ordnung, jedoch nicht das, was Barry als nächstes vorhat: Er will das große Moor in der Nähe des Schlosses trockenlegen, um Torf stechen zu lassen und Landwirtschaft zu treiben. Die Bauern sagen, dass über das Moor seit jeher ein Schutzgeist herrsche, der jeden verfluche, der das Moor zerstöre.

Solcher Unsinn ficht einen Yankee nicht an, und er lässt Gastarbeiter aus Nordirland kommen. Als er sich einsam fühlt, bittet er seinen Freund, unseren Berichterstatter, um einen Besuch. In den mondhellen Nächten, in denen er ungewöhnliche Geräusche hört, kann unser Freund nicht schlafen. Was er draußen erblickt, scheint einem Traum zu entstammen: Zum Klang von griechischen Rohrflöten tanzen die Gastarbeiter mit fremdartigen Wesen wie etwa Wassernymphen und Faunen, während von den weißen Ruinen auf dem zentral im Moor gelegenen Inselchen ein unheimlicher Einfluss ausgeht. Ist es Traum oder Wachen, fragt sich der Beobachter. Sind die Arbeiter deshalb jeden Morgen so schlapp? Aber sie können sich anderntags an nichts mehr erinnern außer an seltsame Geräusche.

Der Tag, die Trockenlegung zu beginnen, rückt näher. Doch zugleich wächst auch der unheilvolle Einfluss, der von jenen Ruinen ausgeht. Die Entwicklung treibt einem schrecklichen Höhepunkt zu.

Gefangen bei den Pharaonen (zusammen mit Harry Houdini)

Der berühmte Entfesselungskünstler Harry Houdini alias Erich Weisz erzählt von einem Erlebnis, das er 14 Jahre zuvor im Jahre 1910 in Ägypten hatte. In seinem anfänglichen Reisebericht erweist sich der Erzähler als kenntnisreicher Berichterstatter, der auch über Tutanchamun Bescheid weiß, dessen Grab bekanntlich erst 1922 entdeckt wurde. Geleitet von einem Fremdenführer, der sich Abdul Reis Drogman nennt, besucht Houdini nicht nur Kairos Altstadt und Museen, sondern selbstverständlich auch die Pyramiden von Gizeh.

Ganz besonders fasziniert ist Houdini von der löwenköpfigen Sphinx, die das Gesicht des Königs Chephren trägt, der die mittlere der drei großen Pyramiden zwischen 2800 und 2700 v. Chr. erbauen ließ. Verblüfft stellt der Reisende eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dem Gesicht seines Fremdenführers und der Chephren-Statue im Ägyptischen Museum von Kairo fest.

Bei einem Streit zwischen Abdul Reis und einem jungen arroganten Reiseführer geht Houdini vermittelnd dazwischen. Beim folgenden Zweikampf darf er Abdul Reis sekundieren. Das Duell findet auf der Spitze der Cheops-Pyramide statt, welche bekanntlich keine Außenverkleidung mehr besitzt, wodurch die Spitze ziemlich breit ist. Doch der mitternächtliche Ringkampf stellt sich als Vorwand heraus, den die Araber benutzen, um den berühmten Entfesselungskünstler zu verhöhnen. Sie fesseln ihn und lassen ihn in einen sehr tiefen Schacht hinunter.

Sich zu befreien, ist einfach, doch nun geschieht etwas, mit dem Houdini nicht gerechnet hat. Die Geister von zusammengesetzten Mumien – Kombinationen aus Tier und Mensch – marschieren zu einem riesigen Tor in der Tiefe. Auch Chephren (Abdul Reis?) und dessen Königin Nitokris, die stets nur „Königin der Ghoule“ genannt wird, wohnen der Opferungszeremonie bei. Doch wem oder was opfern sie? Als Houdini dies herausfindet, rennt er um sein Leben.

Polaris (1918)

In einer Hütte über einem düsteren verlassenen Sumpf liegt unser Erzähler und versucht Schlaf zu finden, doch immer wenn der Polarstern leuchtet, glaubt er, der Fixstern verhöhnte ihn. Sein Geist wandert in eine Traumwelt, wo ebenfalls der Polarstern eine unheimliche Rolle spielt. Er schlüpft in die Gestalt eines von Anfällen geplagten Mannes, dessen Freund Alos der Kommandeur des Heeres ist. Es ist in Alarmbereitschaft versetzt worden, weil die grimmigen Horden der barbarischen Inulos im Begriff sind, die Passhöhe vor dem Plateau einzunehmen, auf dem die prächtige Marmorstadt Olathoe liegt. Alos vertraut ihm die Aufgabe an, die Männer zu warnen, sobald er den Feind kommen sieht. Doch ein Anfall unter Polaris’ Einfluss vereitelt die Ausführung der Aufgabe und so kommt es zum Untergang der schönen Stadt.

Vom Jenseits

Der junge Erfinder Crawford Tillinghast hat eine teuflische Maschine entwickelt, die er seinem Freund, unserem Berichterstatter, widerwillig vorführt. Aber es hat einen „Unfall“ gegeben: Die drei Bediensteten in Tillinghasts Haushalt sind spurlos verschwunden. Er muss seinem Freund erklären, wie es dazu kommen konnte.

Die Maschine, die ein kränklich violettes Licht sowie ein Spektrum von Tönen erzeugt, wirkt anscheinend auf die menschliche Zirbeldrüse ein und erweitert das Universum der Wahrnehmung erheblich. So kann man plötzlich ultraviolettes Licht sehen, das ja normalerweise unsichtbar ist. Fatalerweise erweitert sich aber auch das Hörspektrum und der Blick erreicht neue Dimensionen, in denen sich unheimliche, schleimige Wesen von relativ gefräßigem Appetit herumtreiben. Offenbar haben sie sich der Verschwundenen bemächtigt. Und genau jetzt sitzt unserem Erzähler eines dieser Dinger auf der linken Schulter … ein Schuss fällt …

Der Schreckliche Alte Mann

Drei Räuber beschließen, einen alten Mann in seinem Haus in Kingsport auszurauben. Denn sie haben erfahren, dass er mit 200 Jahre alten Münzen aus Gold und Silber zu bezahlen pflegt. Der alte Seefahrer muss also unermesslich reich sein. Dass er mit seltsamen Flaschen in seinem Haus zu sprechen pflegt und seltsame bemalte Steine in seinem Vorgarten stehen, tun sie als die übliche Verschrobenheit des Alters ab. Vielleicht hätten sie darauf achten sollen, denn ihr mitternächtlicher Besuch bei dem alten Mann verläuft ganz anders als geplant.

Das Grab

Schon in jungen Jahren ist Jervas Dudley ein „Träumer und Visionär“, wie er freimütig zugibt. Er interessiert sich für alles Morbide, was seine Eltern zu Kopfschütteln veranlasst. Als er die alte Gruft auf dem Friedhof entdeckt, wird seine Faszination zur Obsession. Aber der Eingang ist mit einer Kette und einem stabilen Vorgängeschloss geschützt, und er sieht ein, dass er mit dem Zutritt in dieses Paradies seiner Einbildungskraft noch Jahre warten muss. Entweder wird er stark genug, um das Schloss zu knacken oder er findet den Schlüssel.

Ihm gelingt Letzteres und so ist es ihm ein Leichtes, sich in der Gruft umzusehen. Hier liegt als wichtigster Insasse ein Sir Geoffrey Hyde, der wenige Jahre nach 1640 hier gestorben war. Die Hydes sind die mütterliche Seite von Jervas’ Vorfahren und er ist ihr letzter männlicher Spross. Das kommt ihm wie Vorbestimmung vor. Seine Obsession wird zum Wahn, als sich der Geist des alten Sir Geoffrey seiner zu bemächtigen beginnt …

Der Baum

In Arkadien steht über den Ruinen einer antiken Villa ein eindrucksvoller alter Olivenbaum, zu dem der Besucher, unser Erzähler, von einem alten Imker eine bemerkenswerte Geschichte hört. Demnach befand sich hier die Villa zweier Brüder namens Kalos und Musides, welche für ihre Bildhauerkunst bis nach Palästina und Sizilien berühmt waren. Doch trotz ihrer unterschiedlichen Gemütsart waren sie einander herzlich zugeneigt, und als der Tyrann von Syrakus eine Tyche-Statue bestellt, machten sie einander keineswegs Konkurrenz. Nicht, dass sie gemeinsam an einer Statue gearbeitet hätte, nein, jeder schuf seine eigene. (Genau das hatte der schlaue Tyrann bezweckt: Er würde zwei für den Preis von einer bekommen.)

Doch da wurde Kalos, der den Baumnymphen und Faunen zugewandte Träumer, krank, und niemand außer Musides durfte ihn pflegen. Kurz bevor er starb, bat er seinen Bruder, neben seinem begrabenen Kopf die Zweige ganz bestimmter Olivenbäume zu pflanzen. Musides errichtete ein wunderschönes Marmorgrabmal, doch ein größeres Wunder war die Geschwindigkeit, mit der neben dem Grab ein Ölbaum spross, bis er einen starken Ast über Musides’ Werkstätte reckte und ihm Schatten spendete. Und der Wind in den Zweigen scheint zu flüstern.

In der Nacht, bevor die Syrakusaner die bestellte Statue besichtigen und abholen wollen, wütet jedoch ein fürchterlicher Sturm, und am nächsten Morgen bietet sich ihnen ein Bild der Verwüstung. Doch von ihrer Statue und dem Künstler fehlt jede Spur.

Das Tier in der Höhle

Die Mammuthöhle in Amerika birgt eines der umfangreichsten Höhlensysteme der Welt. Ein vorwitziger Erforscher hat sich von der Gruppe, die weiter ihrem Führer folgt, entfernt, um abgelegene Pfade zu erkunden. Als seine Taschenlampe erlischt, umfangen ihn Dunkelheit und Stille. Er muss an die Kolonie von Schwindsüchtigen denken, die sich vor Jahren einmal Heilung in den Höhlen erhofft hat, doch man fand nur ihre zerstörten Hütten. Da hört unser Höhlenforscher ein merkwürdiges Geräusch von tapsenden Füßen, die sich anschleichen. Aber bewegt sich das Wesen auf zwei oder vier Füßen? Er wirft zwei Steine, die das unbekannte Wesen offenbar schwer verletzen. Als der Fremdenführer wieder auftaucht und mit seiner Taschenlampe das zur Strecke gebrachte Wesen anleuchtet, erleben die beiden eine böse Überraschung.

Das Verderben, das über Sarnath kam (1919)

Vor zehntausend Jahren kamen die ersten Menschen in das Land Mnar, und als sie dort Edelmetalle am Ufer eines großen Sees fanden, errichteten sie die Siedlung Sarnath. Dort schon Äonen zuvor war dies das Land des Volkes von Ib. Dieses verehrte die seegrüne Wasserechse Bokrug und errichteten ihr eine Statue. Als die Sarnather das für sie hässliche Volk von Ib überfielen und massakrierten, warfen die Krieger alls Leichen und Götzenbilder ins Wasser des Sees – mit einer einzigen Ausnahme. Die Statue des Bokrug trugen sie im Triumph in ihren eigenen Haupttempel. Doch in der Nacht danach kamen böse Geister, die das Götzenbild raubten. Der Hohepriester Taran-ish kratzte das Wort VERDERBEN in den Altar.

Doch während der tausend Jahre, in denen Sarnath zur Perle und Beherrscherin der Welt emporstieg, gedachten immer weniger Menschen der Warnung Taran-ishs. In der Nacht der Tausendjahrfeier jedoch kam das VERDERBEN über Sarnath, und von seinen Ruinen ist heute nichts mehr zu sehen. Nur die Statue des Bokrug wird heute noch im Lande Mnar verehrt …

Das Unbeschreibliche

Randolph Carter sitzt mit seinem Freund Joe Manton auf dem Friedhof von Arkham und behauptet, es gebe „das Unbeschreibliche“. Der Rationalist Joe glaubt ihm nicht. Carter beruft sich auf seinen Vorfahren Cotton Mather, der im 17. Jahrhundert für die Hexenprozesse in Salem bei Boston verantwortlich war. Mather habe eine teuflische Kreatur beschrieben, und diese treibe immer noch ihr Unwesen – ganz besonders in dem Häuschen direkt neben dem Friedhof, auf dem sie sich gerade befinden. Gleich darauf wird der praktische Beweis für diese Behauptung erbracht …

Celephais

Der Jüngling Kuranes träumt sich aus seiner Londoner Mansardenwohnung in das Land seiner Kindheit. Dort erschafft er die schöne Hafenstadt Celepahis, die im Tal Ooth-Nargai unter dem Berg Aran liegt. Die Händler auf den orientalischen Straßen kennen und begrüßen ihn freundlich. Frauen gibt es natürlich keine. Er geht an Bord eines Segelschiffs und fährt damit jenseits des Horizonts zur Wolkenstadt Serannian.

Leider wird seine Träumerei jäh unterbrochen. Daher versucht er vergeblich, Celephais wiederzufinden. Um seine Schlafphasen zu verlängern, greift er zu teuren Drogen, vor allem Haschisch. Als ihm das Geld ausgeht, wirft man ihn hinaus. Als Landstreicher irrt er zur Küste. Doch in seinem Traum wird er in eine Reiterkolonne der Stadt Celephais aufgenommen und darf sie anführen. In Glorie kehrt er in seine eigentliche Heimat zurück und wird dort zum König ernannt.

Diese pure Phantasie erinnert an Lord Dunsany und die nordischen Landschaften eines William Morris („Die Quelle am Ende der Welt“). Die Vision des kindlichen Paradieses scheint direkt einem Bilderbuch aus dem Goldenen Zeitalter der Viktorianer und Edwardianer entnommen zu sein: unschuldige Schönheit mit dem Gefühl, hier der Herr zu sein. Es ist das Bewusstsein eines Kolonialherrschers, doch der Geschmack eines [Dandys.]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=716 Für den anglophilen Lovecraft war es der Idealzustand eines Gentleman.

Das Grauen von Dunwich (1929)

Dieser fast 70 Seiten lange Kurzroman ist in zehn Kapitel eingeteilt und konsequent auf die Erzielung eines bestimmten Effektes – kosmischen Grauens – ausgerichtet. Der Horror kommt in sich steigernden Stufen, eine unheilvoller als die vorangegangene – bis zum Finale und einer Pointe, die auf den Anfang verweist, wodurch sich die schauderhafte Wirkung noch einmal potenziert (also nichts für zarte Gemüter).

In der ländlichen Gegend der Aylesbury-Hügel Neuenglands soll es laut der Story mehrere Opferstätten gegeben haben, mit stehenden Steinen und Felsplatten, auf denen satanische Riten vollzogen wurden. (Merke: Nahe dem englischen Aylesbury befindet sich Stonehenge, und die Story kann als Kommentar auf englische Verhältnisse gedeutet werden.) Die wichtigste davon ist der Sentinel Hill: Hier stinkt es, und der Berg grollt – besonders zu Walpurgis (30.4.) und Halloween (31.10.).

Die Menschen, die hier siedeln, sind einfache Bauern – mit zwei Ausnahmen: den bessergestellten Sippen der Whateleys und der Bishops, die beide aus Salem stammen, wo im 17. Jahrhundert die berühmten Hexenprozesse stattfanden. Es geht um einen Sippenzweig, den man allgemein die Hexen-Whateleys nennt und der abgelegen wohnt.

Am 2.2.1913 kommt Wilbur Whateley zur Welt, und sein Vater ist unbekannt. Seine Mutter ist die albinoweiße und entstellte Lavinia, die im Haus ihres Vaters, des Alten, lebt. Wilbur wächst rasend schnell, nicht nur körperlich, sondern auch geistig, und sieht aus wie ein Ziegenbock. Er versetzt alle Hunde in Wut und erschießt auch den einen oder anderen. Schon mit vier Jahren ist er so groß wie ein 15-Jähriger. Sein Vater lehrt ihn die Geheimnisse der Großen Alten. Im Obergeschoss lebt aber noch ein weiteres Wesen, das man nie zu Gesicht bekommt, sondern nur hören und – leider – riechen kann.

Als der Alte stirbt, bekommt der junge Wilbur, inzwischen über 2,10 Meter groß, ein Problem: Er muss die Verbindung zwischen dem Wesen im Obergeschoss und dessen Vater Yog-Sothoth herstellen, damit es gelenkt werden kann. Leider fehlt ihm dazu die korrekte Beschwörungsformel in seiner Ausgabe des verbotenen Buches „Necronomicon“. Durch seinen (vergeblichen) Besuch in der Uni-Bibliothek von Arkham alarmiert er den dortigen Gelehrten, der sofort alle anderen Bibliotheken verständigt. Daher versucht Wilbur eines Nachts, das Buch aus der Uni zu rauben – und der Anblick, der sich den Gelehrten bietet, ist nicht abdruckfähig.

Während der Bibliotheksleiter Dr. Henry Armitage fieberhaft das Tagebuch Wilburs zu entschlüsseln versucht, um der Wahrheit auf den Grund zu gehen, bricht das Wesen in Dunwich aus und verbreitet Angst und Schrecken: Durch Unsichtbarkeit unangreifbar, frisst es nicht nur Viehherden, sondern auch deren Besitzer.

Doch dann findet Armitage eine Gegenbeschwörung, und zusammen mit zwei Kollegen sowie den Bauern der Gegend ziehen die Ghostbuster aus, dem dämonischen Ungeheuer, das bislang niemand gesehen hat, aber groß wie ein Haus sein muss, den Garaus zu machen.

Der leuchtende Trapezoeder (1936: The Haunter of the Dark)

Wurde der Anthropologe Robert Blake in der Nacht des 8.8.1935 vom Blitz erschlagen? Oder hat ihn sich eine Kreatur der Großen Alten geschnappt? Die Meinungen der Gelehrten und Experten gehen auseinander. Was hier also erzählt wird, hält sich an Blakes Tagebuch. Darin berichtet er von seiner Faszination für den düster emporragenden Kirchturm aus dem Federal Hill des Städtchens Providence (wo auch HPL lebte). Bei näherer Untersuchung zeigt sich, dass das verwahrloste Gebäude schon seit fast 60 Jahren keinen sakralen Charakter hat. Ab 1846 hatte ein Archäologe hier einen Sektenkult namens Starry Wisdom (Weisheit von den Sternen) eingerichtet.

Blake findet in der Turmstube, wo eigentlich Glocken sein sollten, nur sieben leere Stühle und Steinplatten, ein Reporter-Skelett aus dem Jahr 1897 – und eine Schatulle mit einem leuchtenden Stein darin. Hineinschauend erblickt er grauenerregende kosmische Weiten und schwarze Planeten, wo die Großen Alten hausen. Dann begeht er einen schwerwiegenden Fehler: Von einem Geräusch über sich erschreckt, klappt er die Schatulle zu. Da nun kein Licht mehr das Ding im Turmhelm fernhält, treibt es alsbald lautstark sein Unwesen in der entweihten Kirchen, so dass die gläubigen italienischen Einwanderer das Zähneklappern kriegen. Doch das Ding weiß, wo sich Blake aufhält und holt ihn …

Dies ist eine sehr dicht aufgebaute und stimmungsvoll erzählte Geschichte, die zielbewusst auf den grauenerregenden Schluss zusteuert, der nur aus panischem Gestammel des Tagebuchschreibers besteht. Aus dem, was Blake in der alten Kirche fand, haben andere Autoren ganze Erzählungen geschmiedet. Und weil so viele Fragen offen blieben, schrieb Robert Bloch eine Fortsetzung (abgedruckt in [„Hüter der Pforten“,]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=235 Bastei-Lübbe).

Die Aussage von Randolph Carter

Randolph Carter macht vor der Polizei eine Aussage, denn schließlich ist der Tod seines Freundes Harley Warren aufzuklären. Warren hatte okkulte Studien getrieben und aus Indien ein spezielles Buch erhalten, vermutlich das verfluchte „Necronomicon“. Damit begab er sich zu einem uralten, verlassenen Friedhof und öffnete eine bestimmte Gruft. Carter musste zurückbleiben, war aber durch Draht mit einem tragbaren Telefonapparat, den Warren mitnahm, mit seinem Freund verbunden.

Nach etwa halben Stunde beginnt Warren sich zu melden. Er warnt seinen Freund vor grauenerregenden Wesen, auf die er gestoßen sei: vermutlich Leichenfresser, Ghule. Carter solle schnellstens die Grabplatte über den Eingang schieben, sonst sei er selbst in höchster Gefahr. Das unterlässt Carter allerdings, will lieber seinem Freund zu Hilfe kommen, und so nimmt das das Unglück seinen Lauf …

Der Silberschlüssel

Randolph Carter verliert in jungen Jahren den Zugang zum Tor der Träume. Als ob er den Schlüssel zum Land seiner Kindheit verloren hätte. In den folgenden Jahren durchläuft er eine Auseinandersetzung mit dem Materialismus seiner Epoche, ja, er geht sogar nach Frankreich, um 1916 zu kämpfen. Er wendet sich dem Okkultismus zu, und in Arabien trifft er einen verrückten Schatzgräber (Abdul Alhazred?).

Doch erst in den Träumen, die er im Haus des Großvaters in seiner Heimatstadt hat, erhält er den ersten Hinweis zum Silberschlüssel. In einer geschnitzten Holzschachtel findet sich das Objekt. Wie unter geistigem Zwang reist er zu dem Bauernhaus seiner Ahnen, in dem er seine Kindheit verbrachte. Nach einer Nacht dort begibt er sich auf eine Erkundung in die „Schlangengrube“ genannte Höhle, die tief im Wald liegt. Und seitdem wurde er nie wieder gesehen. Der Silberschlüssel aber auch nicht …

Durch die Tore des Silberschlüssels (zusammen mit E. Hoffman Price)

Vor vier Jahren, am 7. Oktober 1928, verschwand also Randolph Carter in einer Höhle in Neuengland. Er hinterließ lediglich ein Pergament-Manuskript, das mit merkwürdigen, rätselhaften Hieroglyphen bedeckt ist, sowie eine Fotografie seines antiken Silberschlüssels, den er mitnahm.

Nun geht es um die Aufteilung seines Nachlasses. In New Orleans sind vier Herrschaften zusammengekommen. Carters Cousin, der Anwalt Aspinwall, scheint ein Raffzahn und Zweifler zu sein. Doch ein Mystiker aus Arkham, ein gewisser Ward Phillips (= HPL!), behauptet, dass dies alles nicht rechtens sei, da Carter noch lebe und als König in der Traumstadt Ilek-Vad herrsche. Der Ex-Freund Carters, ein französischer Kriegskamerad und Mystiker namens de Marigny, führt den Vorsitz und ist unparteiisch.

Daher erweist sich der indische Brahmane namens Swami Chandraputra als Zünglein an der Waage. Er tischt den versammelten Herren eine abgefahrene Science-Fiction-Story auf, die er aus Korrespondenz mit Carter erfahren haben will [und die den Großteil des Textes ausmacht]. Carter sei durch zwei Tore des Silberschlüssels gegangen, habe sich seiner stofflichen Hülle entledigt und so schließlich zum Planeten Yaddith gelangt. Dort lebte er unter klauenbewehrten, tapirschnauzigen Aliens, vorzugsweise im Körper des Zauberers Zkauba.

Doch musste Carter zu seinem Entsetzen feststellen, dass der Silberschlüssel nicht ausreichte, um ihm seine menschliche Gestalt zurückzugeben. Dazu brauchte er den Zauberspruch auf dem Pergament, das er in Neuengland zurückließ. Also baute sich Carter mit Hilfe des Zaubererkörpers ein Gefährt für die Durchquerung des Alls und machte sich auf die Reise zur Erde. Dort traf er im Jahr 1930 ein, allerdings nicht in menschlicher, sondern yaddithischer Gestalt.

Dreimal dürfen wir raten, wer sich nun hinter der Maske des Swami Chandraputra verbirgt …

Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath (S. 633-798)

Der Roman handelt von den traumartigen Erlebnissen des Randolph Carter, der autobiographische Züge (s. o.) aufweist. Auf der Suche nach der zauberhaften Stadt seiner Sehnsucht gelangt er in eine Unterwelt, die dem griechischen Totenreich Hades ähnelt. Dies ist Lovecrafts pittoreske Darstellung einer Hölle: eine Traumwelt, bevölkert mit seltsamen Erscheinungen und Fabelwesen wie den riesenhaften Shantak-Vögeln, den scheuen, aber freundlichen Zoogs, riesigen Ungeheuern wie Gugs und Ghasts sowie einer Schar von Ghoulen. Unter diesen befindet sich der bekannte Bostoner Maler Richard Upton Pickman, den Carter von früher kennt (vgl. „Pickmans Modell“).

Nach zahlreichen Abenteuern begegnet Carter in der aus Onyx erbauten Burg auf dem Gipfel des „unbekannten Kadath“ dem dämonischen Nyarlathotep, genannt das „kriechende Chaos“ und einer der mächtigsten und gerissensten „Großen Alten“.

Anstatt ihm den Weg zu der gesuchten Traumstadt zu weisen, verleitet der Dämon Carter dazu, einen kosmischen Flug auf dem Rücken eines monströsen, pferdeköpfigen Shantak-Vogels zu unternehmen. Der soll ihn zu dem chaotischen Abgrund bringen, wo der formlose Erzdämon Azathoth herrscht, dessen Namen man nicht laut aussprechen darf.

Carter ahnt die Gefahr, die ihm von Azathoth droht, und es gelingt ihm, noch rechtzeitig von dem Shantak abzuspringen. Nach endlosem, schwindelerregendem Fall durch kosmische Räume findet Carter sich schließlich in seiner Heimatstadt Boston wieder. Er ist zum Ausgangspunkt seiner geträumten Odyssee zurückgekehrt.

Mein Eindruck

Neben reinen Horrorgeschichten schrieb H.P. Lovecraft in den 1920er Jahren auch einige Fantasy-Erzählungen. Diese schildern Welten, deren Tore man nur im Traum durchschreiten kann. Träume waren für HPL seit seinem sechsten Lebensjahr immer sehr wichtig, als er, inspiriert von den Geschichten seines Großvaters, begann, von schrecklichen Monstern, den „night gaunts“, zu träumen.

Als Beispiele für diese Traumphantasien, die in der Art von Lord Dunsany, Irland, verfasst sind, seien „Das Verderben, das über Sarnath kam“, „Das merkwürdige hochgelegene Haus im Nebel“, „Die Katzen von Ulthar“ sowie „Celephais“ genannt. Desweiteren gehören dazu die um den Helden Randolph Carter, ein Alter Ego HPLs, gruppierten Geschichten „Der Silberschlüssel“ und „Durch die Tore des Silberschlüssels“ (zusammen mit E. Hoffman Price).

Der Kurzroman „Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ wurde in dieser Periode zwischen 1926 und 1927 niedergeschrieben, aber erst 1943 posthum veröffentlicht. Dem Romanmanuskript fehlt eindeutig eine letzte Ausarbeitung. Diese unterließ HPL, weil sein Manuskript von einem Herausgeber (Farnsworth Wright) abgelehnt worden war. Bestimmend ist in der Geschichte die Figur des Randolph Carter, der mit den großen Alten unangenehme Bekanntschaft macht.

„Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“

„Die Traumsuche nach dem unbekannten Kadath“ ist sehr umstritten, was die Beurteilung anbelangt. Liebhaber der heroischen Fantasy wie Lyon Sprague de Camp und der HPL-Verehrer Lin Carter äußerten sich lobend darüber. Andere hingegen wie der HPL-Herausgeber und -„Kollaborateur“ August Derleth meinten, dass es ein wenig gelungenes Werk sei. Dem kann ich nur zustimmen.

Es ist eine Aneinanderreihung von bizarren Einfällen, enthält zuweilen farbig geschilderte Episoden und reiche Symbolik, aber das Ganze enthält keine Klammer und baut keine innere Spannung auf. Wenn man wollte, könnte man die Geschichte für psychoanalytische Studien als Steinbruch benutzen, aber das liegt dem normalen Fantasyleser fern. Dem HPL-Freund fallen sicher zahlreiche Querverweise zu anderen HPL-Fantasies auf (s.o.), aber auch zum Cthulhu-Mythos, den HPL mit einer Schar eingeschworener Brieffreunde ausbaute.

Heutige Leser mit durchschnittlichen Ansprüchen an Fantasy und Horror werden jedoch die langen Beschreibungen und zahllosen ereignislosen Passagen langweilen. Und zumindest mir ging es so, dass ich die Lektüre kaum schaffte, ohne zuletzt völlig genervt zu sein.

Dem Kurzroman fehlt eindeutig eine Überarbeitung, also Straffung, und eine letzte Ausfeilung, insbesondere in sprachlicher Hinsicht. Hier frönt HPL noch seinem alten „Laster“, massenhaft beschwörende Adjektive aufzustapeln, sie mit „unheiligen“ Verben und Substantiven zu verkuppeln, bis man kaum noch weiß, welche Struktur der Satz aufweist. Dieses Buch eignet sich nicht einmal für das Parodieren, weil es offensichtlich a) zu lang ist, b) völlig unbekümmert drauflos fantasiert und c) ihm daher eine wie auch immer geartete künstlerische Absicht nur schwer zu unterstellen ist. Eine Parodie jedoch ist eine Entgegnung auf eine solche Absicht.

Die anderen Erzählungen

Die vorliegenden Erzählungen wurden bereits in den |Suhrkamp|-Editionen „Die Katzen von Ulthar“, „In der Gruft“ und „Chthulhus Ruf“ veröffentlicht. Endlich liegen sie in einer sehr preiswerten Ausgabe in Neuübersetzung vor. Wo ich es angegeben habe, ist die literarische Qualität sehr hoch, z.B. in „Das Grauen von Dunwich“, „Der leuchtende Trapezoeder“ oder „Cthulhus Ruf“.

Viele andere Geschichten, insbesondere alle aus „In der Gruft“, übersteigen das Mittelmaß keineswegs, obwohl sie durchaus kompetent geschrieben sind. Harry Houdinis Story „Gefangen bei den Pharaonen“ bietet die seltene Gelegenheit, den klaren und übersichtlichen Houdini-Erzählstil vom Lovecraft’schen Stil der raunenden Beschwörung zu unterscheiden. Der Unterschied ist gut erkennbar.

Für die großen Novellen „Berge des Wahnsinns“ und „Schatten über Innsmouth“ sowie für die SF-Novellen „Die Farbe aus dem All“, „Der Flüsterer im Dunkeln“ und „Der Schatten aus der Zeit“ war in dieser Sammlung kein Platz, aber sie seien jedem HPL-Interessierten empfohlen. Vielleicht erscheinen sie in einer gesonderten Ausgabe.

Die Übersetzung

… von Florian Marzin ist durchaus gelungen. Es gibt nur zwei Aspekte, die mich stören. Alle Gedichte wurden nicht neu übersetzt, sondern direkt dem Erzählband „In der Gruft“ entnommen“ (natürlich mit Genehmigung des Suhrkamp Verlags). Zum anderen scheint Marzin eine Vorliebe für den Ausdruck „Dinger“ zu haben. Dieser Ausdruck stammt aus der Umgangssprache. In der Schriftsprache sollte man sich gemäß meinem Sprachempfinden des Ausdrucks „Dinge“ bedienen. Allerdings gibt es Fälle, in denen man nicht ständig von „Dingen“ oder „Dingern“ reden kann. Da sollte man eine Alternative suchen.

Das Vorwort

Das Vorwort von Hans Joachim Alpers (S. 10-19) informiert den Leser, der erst noch einen Zugang zu HPLs Werk und Verständnis sucht, auf kompetente und einfach verständliche Weise über die biografischen und publizistischen Hintergründe des Werks dieses Horrormeisters. Zu Lebzeiten war es meist nur einem kleinen Kreis von Fans des Arkham House Verlags vertraut. Erst 1968 wurde es auch hierzulande kontinuierlich übersetzt und veröffentlicht, z. B. von Kalju Kirde und H. C. Artmann. Inzwischen sind eine Reihe wichtiger Novellen auch im Hörbuch zu genießen, professionell produziert von LPL records.

Unterm Strich

In diesen, seinen besten Geschichten befolgt Lovecraft konsequent die Forderung Edgar Allan Poes, wonach eine „short story“ in allen ihren Teilen auf die Erzielung eines einzigen Effektes ausgerichtet sein solle, egal ob es sich um die Beschreibung eines Schauplatzes, von Figuren oder um die Schilderung der Aktionen handele, die den Höhepunkt ausmachen (können).

Um die Glaubwürdigkeit des berichteten Geschehens und der Berichterstatter zu erhöhen, flicht Lovecraft häufig zahlreiche – verbürgte oder meist gut erfundene – Quellen ein, die beim weniger gebildeten Leser den Unglauben aufheben sollen. Erst dann ist die Erzielung kosmischen Grauens möglich, das sich Lovecraft wünschte. In den meisten Erzählungen gelingt ihm dies, und daher rührt auch seine anhaltende Wirkung auf die Schriftsteller weltweit. Erfolgreiche Serien wie Brian Lumleys „Necroscope“ oder Hohlbeins [„Hexer von Salem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249 wären ohne Poe und Lovecraft wohl nie entstanden.

Das heißt aber nicht, dass Lovecraft keine negativen Aspekte eingebracht hätte. Als gesellschaftlicher Außenseiter, der nur intensiv mit einer Clique Gleichgesinnter kommunizierte (er schrieb Briefe wie andere Leute E-Mails), ist ihm alles Fremde suspekt und verursacht ihm Angst: Xenophobie nennt man dieses Phänomen. Darüber hinaus hegte er zunächst rassistische und antisemitische Vorurteile (wie leider viele seiner Zeitgenossen), so dass er von kultureller Dekadenz und genetischer Degeneration schrieb. Degeneration ist das Hauptthema in „Grauen von Dunwich“ und „Schatten über Innsmouth“.

Es gibt auch eine ganze Reihe früher Erzählungen, die uns heute wie pure Fantasy anmuten, ja, die sogar antike Schauplätze haben. Sie sind unterhaltsam zu lesen, aber allzu viele dieser literarisch mittelmäßigen Leicht- oder Fliegengewichte möchte man dann doch nicht über sich ergehen lassen. Deshalb bilden eine Reihe exzellenter Novellen wie „Cthulhus Ruf“ das Fleisch in der Suppe. Die Übersetzung ist kompetent, greift aber bei den Gedichten auf die Suhrkamp-Ausgaben zurück.

Insgesamt ist dieses Buch eine für Einsteiger sehr gut geeignete Einführung in das Werk des Phantasten aus Providence, zumal diese Ausgabe relativ preiswert ist.

Yancey, Rick – Monstrumologe, Der



Der Monstrumologe:

Band 1: _“Der Monstrumologe“_
Band 2: „… und der Fluch des Wendigo“ (20.01.2012)

Actionreicher Horror mit doppeltem Boden

Neuengland im April 1888: Der Junge Will Henry ist ein Waisenkind und arbeitet als Assistent des kauzigen Dr. Warthrop. Der gute Doktor hat sich auf ein ganz besonderes Gebiet spezialisiert: Er ist Monstrumologe, das heißt, er studiert Monster und macht notfalls Jagd auf sie.

Eines Abends kommt ein Grabräuber zu Will und dem Doktor ins Labor. Er hat eine Leiche gefunden, in die sich ein zahnbewehrtes Monster verbissen hat. Offenbar eine Monsterart, die Menschen tötet – und sich zudem rasch vermehrt. Die Einzigen, die nun zwischen diesen Bestien und der Menschheit stehen, sind der Doktor und der junge Will … (abgewandelte Verlagsinfo)

Der Autor

Rick Yancey wollte schon seit seiner Jugend Schriftsteller werden. Nach seinem Abschluss in Anglistik an der Roosevelt University in Chicago startete er in seiner Heimat Florida eine Künstlerkarriere. Während er in Teilzeit unterrichtete und sich als Theaterschauspieler versuchte, nahm er eine Anstellung beim Finanzamt an. Den Traum der Schriftstellerkarriere gab er nie auf, dafür aber nach zehn Jahren seine Beamtenstelle.

Über seine Zeit beim Finanzamt schrieb er ein Memoire („Confessions of a Tax Collector“), das vom Wall Street Journal als eins der fünf besten Bücher bezeichnet wurde, das je über Steuern geschrieben wurde. Seine Jugendbuchtrilogie über Alfred Kropp erschien in 17 Ländern und wurde für die berühmte Carnegie Medal nominiert. Rick ist stolzer Vater von drei Söhnen. Er lebt mit seiner Frau Sandy in Florida. (Verlagsinfo)

Handlung

Prolog

Der Herausgeber, eben Rick Yancey, ist ein Buchautor mit vielen Aufträgen. Als er den Direktor einer Irrenanstalt besucht, um ihm ein neu produziertes Buch zu übergeben, bittet ihn dieser, die Tagebücher eines gewissen William James Henry, seines Zeichens verstorbener Insasse, anzusehen. Will Henry behauptete nämlich zeit seines Lebens, er sei im Jahre des Herrns 1876 geboren worden, also vor nicht weniger als 133 Jahren. Die Ärzte hatten bei ihm jedoch Demenz festgestellt, so dass man nicht allzu viel auf diese Angabe geben könne.

Nach einer Weile beginnt unser vielbeschäftigter Herausgeber, die Tagebücher des Will Henry zu lesen, und sie erweisen sich als höchst ungewöhnlich …

Die Tagebücher

William James Henry lebt als zwölfjähriges Waisenkind in New Jerusalem bei Dr. Pellinore Warthrop, dem er in seinem medizinischen Beruf assistieren muss. Der Doktor hat stets interessante, um nicht zu sagen: sonderbare Besucher. Heute Nacht beispielsweise besucht ihn der Grabräuber Erasmus Gray. Gray ist klapperdürr, alt und müde. Aber sehr aufgeregt. Denn was er auf dem Old Hill Friedhof zufällig ausgegraben hat, verstört ihn zutiefst.

Zusammen schleppen er und Dr. Warthrop den Fund in den kühlen Keller auf den Seziertisch. Nachdem der Doktor ihn bezahlt hat, schiebt man den Grabräuber hinaus in den Nachtnebel. Danach beginnt der Arzt mit der Autopsie. Was für ein seltsamer Fund! Will Henry beginnen die Knie zu schlottern, während er das Diktat des Arztes aufnimmt, dem schon sein Vater assistiert hat.

Es handelt sich um ein junges Mädchen im Leichenhemd, dem ein Drittel seines Gesichts weggefressen wurde. Es wird auf obszöne Weise umarmt von einer Kreatur, die keinen Kopf hat und mindestens doppelt so groß ist. „Ein männlicher Anthropophage“, doziert der Doktor, „ein Alphamännchen.“ Das ist bemerkenswert, denn Anthropophagen kommen nur in Afrika und den Tropen vor. Wie kam es nach Nordamerika?

Das Wesen hat seinen zahnbewehrten Mund im Bauchbereich und das Gehirn sitzt darunter, während die schwarzen Augen auf den Schultern sitzen. Die Tatsache, dass es sich um ein fortpflanzungsfähiges Wesen handelt, veranlasst den Arzt zu einem Eingriff, der Will Henry die Galle in den Hals treibt: In der Leiche des Mädchens steckt ein lebendiger Nachkömmling, wie eine Larve in einem Wirtskörper.

Nachdem dieser Nachkömmling in einen Glasbehälter gesteckt und getötet worden ist, bleibt noch die Aufgabe, alles aufzuräumen und dem Mädchen ein christliches Begräbnis zukommen zu lassen. Natürlich im ursprünglich vorgesehenen Grab. Alles andere wäre etwas auffällig, findet Dr. Warthrop. Wieder muss Erasmus Gray bei diesem Transport helfen.

Will Henry begleitet die beiden Männer auf ihrem nächtlichen Weg zum Friedhof. Vielleicht liefert das Grab Hinweise auf die Herkunft des Anthropophagen. Denn wo einer ist, verbergen sich bestimmt noch mehr: die Weibchen …

Mein Eindruck

Was an der Reaktion des Doktors auffällt, ist genau, was später zu erheblichen Problemen führen wird: Er ruft nicht die Polizei zu Hilfe, noch informiert er auch nur irgendjemanden außerhalb seines kleinen Zirkels, zumindest vorerst. Als ihn später, nach einem blutigen Überfall auf die Pfarrersfamilie, der Wachtmeister zur Rede stellt, rechtfertigt sich Warthrop damit, er habe keine Panik auslösen wollen. Außerdem hätte ihm sowieso keiner geglaubt. Klingt wahrscheinlich. Dennoch muss er sich den Vorwurf gefallen lassen, die Pfarrersfamilie indirekt auf dem Gewissen zu haben.

Warthrops Fehler: Er hat sich schlichtweg verkalkuliert. Er, der Fachmann für Monster, hat die Monster falsch eingeschätzt. Das kann nur daran liegen, dass er nicht über genügend Informationen verfügt. Es muss einen Faktor geben, den er nicht kennt und den er nicht berücksichtigt hat.

Vorgeschichte

Deshalb tut er zweierlei: Er recherchiert, im eigenen Archiv und bei einem Zeugen. Zum Zweiten holt er Hilfe herbei. Das Archiv aus Zeitungsartikeln der letzten drei Jahre berichtet zahlreiche tödliche Vorfälle sowieso Vermisstenmeldungen. Übertragen auf eine Landkarte, ergibt sich ein Wanderungsmuster, von der Küste bei Boston nach Dedham und New Jerusalem. An der Küste strandete anno 1865, also vor 23 Jahren, der Frachter „Feronia“, den Warthrops Vater Alistair gechartert hatte. Und von dem letzten überlebenden Zeugen der „Feronia“, dem Kapitän, der in einer Dedhamer Irrenanstalt dahinsiecht, erfährt Warthrop voll Entsetzen, was die „Feronia“ aus Afrika brachte: Anthropophagen. Doch zu welchem verruchten Zweck?

Sportsmann

Die Hilfe trifft ein: Ob er nun John Kearns, Richard Cory oder sonstwie heißt, verrät der britische Weltmann und Großwildjäger nie. Aber er verfügt über das Wissen, die Methode und die Werkzeuge, um Anthropophagen zur Strecke zu bringen. In seiner zynisch-flapsigen Art nennt Kearns sie einfach nur „Poppis“. Es ist Kearns, der eine für Warthrop undenkbare Theorie formuliert: dass Alistair Warthrop den Frevel begangen habe, Experimente mit den „Poppis“ anzustellen und den Monstren zu diesem Zweck zahlreiche Menschen zum Fraß vorwarf.

Philosophie

Diese Unterstellung – die sich wenig später erhärtet – rückt die „Philosophie“ der Monstrumologen allgemein ins Zwielicht. Ähnlich wie die Terroristenjäger und andere Verbrechensbekämpfer müssen sie sich derart auf die Interessen des „Feindes“ einlassen, dass sie eine moralische Grenze überschreiten und selbst zum Monstrum in Menschengestalt werden. Doch genau diese Moral lässt Kearns nicht für sich gelten. Er beruft sich auf Nietzsches Buch „Jenseits von Gut und Böse“, als er behauptet, dass die einzige gültige Moral die des Augenblicks sei und der werde bekanntlich vom Handeln bestimmt.

Diese Philosophie aber erlaubt es ihm, höchst fragwürdige Handlungsweisen an den Tag zu legen. Er benutzt nicht nur eine mitgebrachte Prostituierte als Köder, um die „Poppis“ anzulocken, sondern auch Will Henry selbst. Der anwesende Wachtmeister beißt um ein Haar den Stiel seiner Pfeife durch, so sehr erzürnt ihn solche Unmoral. Will Henry ist ebenfalls schwer geschockt, bringt ihn doch Kearns‘ Verrat in Lebensgefahr.

Finale Konfrontation

Nun, wir Leser können uns entspannt zurücklehnen, um dem sich entfaltenden Desaster zuzuschauen. Wir müssen ja keine ethischen Entscheidungen fällen, die unsere Lieben oder gar die Menschheit gefährden würden. Für uns zählen letzten Endes nur die Resultate, genau wie für Kearns. Die Poppijagd ist für ihn ein Sport, der ihn herausfordert.

Das bedeutet jedoch nicht, dass dieser Sport keine tragischen Opfer fordern würde. Es ist bezeichnend, dass der Showdown in den Tiefen der Erde, mit der Nestmutter der Anthropophagen als Gegner, nicht Warthrop und Kearns involviert, sondern die Jungs: Will Henry und seinen Schicksalsgenossen Malachi Stinner, den letzten Überlebenden der Pfarrersfamilie. An ihnen verdeutlicht der Autor, welche Motive und Opfer eine Rolle spielen. Malachi will seine Familie rächen und dabei zugleich die Schuld gegenüber seiner Schuld einlösen, die er seiner Meinung nach im Stich ließ. Durch Malachis Opfer angespornt, behält Will Henry, der Chronist, erbittert die Nerven, um es mit dem Feind aufzunehmen …

Väter und Söhne

Will setzt die Arbeit seines Vaters fort, der Alistair und Pellinore Walthrop gedient hat. Er ahnt noch nicht, was diese Arbeit seinen Vater an moralischen Skrupeln gekostet hat. Er weiß lediglich, dass sein Vater krank aus Südamerika zurückkehrte – der Brand, in dem er und die Mutter umkamen, erlöste ihn lediglich von einer furchtbaren Heimsuchung. Dass Pellinore Walthrop die Last seines Vaters ebenso trägt wie Will Henry die seines eigenen, macht diesen Roman zu einer Untersuchung über die Tragödie der Vater-Sohn-Beziehung.

Übertragen auf das Phänomen der Terrorbekämpfung, wird daraus ein Kommentar auf die moderne Rechtfertigung der Vereinigten Staaten. Wir wissen nur die Hälfte über die Vätergeneration, denn die Wahrheit wird stets unterdrückt und verborgen – doch die Söhne tragen stets die volle Last in ihrer eigenen Gegenwart.

Lovecraft lässt grüßen

„Der Monstrumologe“ ist eine Kreuzung aus Lovecrafts Monster-Mythologie, Neuengland-Mystik, moderner Terrorbekämpfung und alternativer Geschichtsschreibung. Auf raffinierte Weise hat sich der Autor gegen zu genaue Verfolgung und Prüfung seiner Quellen abgesichert. Die zentrale Handlung entstammt den drei ersten Tagebüchern eines unglaubwürdigen Chronisten. Will Henry muss über 130 Jahre alt gewesen sein, als er dieses Zeug schrieb – höchst unwahrscheinlich, oder?

Und von einem Ort namens New Jerusalem hat der Herausgeber noch nie gehört. Er hätte vielleicht mal nach Salem blicken sollen, das sich nur wenige Kilometer nördlich von Boston befindet. Dort fanden im 17. Jahrhundert Hexenprozesse statt, über die auch ein Stephen King vortrefflich zu fabulieren wusste (in „Salem’s Lot“ und anderen Werken). Hätte der Herausgeber nur mal Lovecrafts „Charles Dexter Ward“ gelesen!

Dass Anthropophagen der geschilderten Erscheinungsformung schon bei Plinius, Herodot und sogar William Shakespeare erwähnt werden, rechtfertigt ihr Erscheinen in der Chronik zwar, macht diese jedoch nicht wahrscheinlicher: Es wurden ja alle Beweise vernichtet! Aber eines steht fest: Der Herausgeber hat bislang nur das erste Fünftel von Will Henrys Chronik veröffentlicht, so dass wir uns noch auf den Werdegang und die Heldentaten des „Monstrologenassistentenlehrlings“ freuen dürfen.

Die Übersetzung

Axel Franken, der Übersetzer von Garth Nix‘ Fantasyreihe um Arthur Penhaligon, hat den Text fehlerlos übersetzt, verlangt dem deutschen Leser aber auch einige sprachliche Kenntnisse ab. Was mögen wohl Ausdrücke wie „kimmerisch“, „stygisch“, „acherontisch“ und „myop“ bedeuten, mag sich der unvorbereitete Leser fragen.

Nun, alle diese Ausdrücke würde man in einem Text von H. P. Lovecraft und Robert E. Howard wiederfinden. CONAN stammte bekanntlich aus Cimmerien. Styx und Acheron sind Flüsse der antiken Unterwelt Hades. Alle Bezüge verweisen auf Finsternis. Nur „myop“ stammt aus der Medizin: Es bedeutet „kurzsichtig“.

Diese und viele andere Ausdrücke verleihen dem Text eine mystisch-rätselhafte Anmutung, die genau zum Inhalt passt. Meines Erachtens hat der Übersetzer recht getan, sie stehen zu lassen.

Wer sich an dem pathetischen Ton so mancher Überlegungen und Schilderungen Will Henrys stört, darf die Schuld nicht beim Autor suchen. Der kann sich immer damit herausreden, dass ein so alter Kerl wie Will Henry eben schreibt, wie man sich im 19. Jahrhundert ausdrückte – mit jeder Menge Adjektive, die auf die Tränendrüse zielen. Durch diesen Knick gelingt es dem Autor, schauerliche Bilder heraufzubeschwören, ohne dass man ihm Effekthascherei vorwerfen könnte.

Unterm Strich

Wie jeder gute Horrorroman bietet auch „Der Monstrumologe“ mindestens zwei Ebenen an. Die Oberfläche dient der Unterhaltung, mit teils gruseligen, teils erschütternden Szenen, aber vor allem mit viel Action, die sich über das gesamte letzte Drittel erstreckt. Nach einer längeren Einführung inklusive Prolog können wir uns mit dem jungen Will Henry identifizieren. Das heißt nicht, dass sich der Roman für Zwölfjährige eignet. Einige Splatterszenen sind doch ziemlich heftig.

Die zweite Ebene betrifft die Rechtfertigung für den Posten des Monstrumologen. Warthrop ist kein Arzt, obwohl er über medizinische Kenntnisse verfügt und mit den Instrumenten, die auf zahlreichen Seiten abgebildet sind, zweifellos umgehen kann. Doch er betrachtet sich als Philosoph. Da er scheint es merkwürdig, dass er einfachste ethische Grundsätze missachtet: Er warnt die Bevölkerung nicht, noch informiert er die Polizei. Stattdessen scheint er sogar seinen Vater zu decken, den eine mindestens ebenso dubiose Ethik an den Tag legte.

Der zwei „Monstrumologe“ ist wohl John Kearns (nicht sein wahrer name), doch der Brite wirkt eher wie ein zynischer Großwildjäger. Er hängt Nietzsches Moral an, der Moral des Augenblicks, die vom Handeln bestimmt wird – möge die Nachwelt später darüber urteilen, ob der Zweck die genutzten Mittel heiligt. Kearns ist zwar amüsanter als Warthrop, aber fern davon, ein Vorbild zu sein.

Der vaterlose Will Henry befindet sich somit in einer moralischen Wüste: kein Leitfaden weit und breit. Es ist, als müsse Will in einer vater- und morallosen Gesellschaft aufwachsen. Sind dies die Monsterjäger, denen wir unser Leben anvertrauen würden? Die Fortsetzungen müssen erweisen, ob Will Henry vor unserem Urteil bestehen wird können.

Meine Lektüre

Ich habe den Roman in nur wenigen Tagen genossen. Die Geschichte ist leicht zu verfolgen, die Sprache – bis auf gewisse Ausdrücke (siehe oben unter „Die Übersetzung“) – leicht verständlich, ohne seicht zu wirken. Und Action gibt es im letzten Drittel genügend, um schlaflose Nächte zu durchwachen.

Die Abbildungen an den Seitenrändern sowie die Holzschnitt-haften Illustrationen von Jacopo Bruno tragen dazu bei, die Zahl der zu bewältigenden Seiten zu verringern und die Aufmerksamkeit nicht erlahmen zu lassen. Vielleicht sieht sich so mancher Leser dazu verleitet, sich den Verwendungszweck der Instrumente vorzustellen, wenn nicht sogar deren Einsatz …

HINWEIS:

Die Fortsetzung “ Der Monstrumologe und der Fluch des Wendigo“ erscheint am 20. Januar 2012 als Taschenbuch und E-Book.


Taschenbuch: 416 Seiten
Originaltitel: The Monstrumologist
ISBN-13: 978-3785760406

http://www.luebbe.de

Eine Leseprobe bietet der Verlag [hier]http://www.bic-media.com/dmrs/widget.do?isbn=9783785760406 an.

Theodor Hildebrand – Angelus Mortis. Ein besonderer Roman. (E-Book)

Sprachlich modernisierter Vampir-Grusel aus Deutschland

In einer romantisch schönen Gegend, ungefähr zwei Postkutschenstunden von Prag entfernt, liegt ein uraltes Schloss in den Tiefen des Böhmerwaldes, das sich die Familie Lobenthal zu ihrem neuen Heim erwählt hat.

Schon naht wieder ein Winter, der mit dem eisigen Hauch des Nordwindes die Erde bald in Stein verwandeln und den dichten Böhmerwald in tiefen Schnee hüllen wird. Wie erstaunt da die Nachricht, dass eine junge Dame, die niemand kennt, in das mitten im Wald gelegene, einsame Haus gezogen ist, nur von einem alten Diener begleitet.

Man sagt, dass sie schön sei, aber auch, dass ihre Miene etwas ganz Außerordentliches an sich habe und dass sich Herrin und Diener untereinander fremder, unverständlicher Worte bedienen. Kurzum, die fremde Dame ist ein Mysterium für die Bewohner des nahe gelegenen kleinen Dorfes. Frau Lobenthal, oben im Schloss, schöpft die Hoffnung, die neue Nachbarin als angenehme Gesellschafterin für sich zu gewinnen. Denn die Tage sind einsam geworden und das düstere alte Gemäuer beginnt sie zu ängstigen, nun, da ihr Mann für längere Zeit in Familienangelegenheiten verreist ist … (gekürzte Verlagsinfo)
Theodor Hildebrand – Angelus Mortis. Ein besonderer Roman. (E-Book) weiterlesen

H. P. Lovecraft – Der kosmische Schrecken. Horrorgeschichten

_Storyband für Bibliophile und Wissenschaftler_

Der Band 17 der „Bibliothek des Schreckens“ enthält eine Reihe der bekanntesten und besten Erzählungen des Horrormeisters aus Providence, darunter „Die Ratten im Gemäuer“ und „Das Ding auf der Schwelle“. Was mir noch wichtiger erscheint: Es gibt S.T. Joshis und David E. Schultz’ erhellenden Aufsatz über die Horrornovelle „Der Schatten über Innsmouth“ endlich auch in deutscher Übersetzung nachzulesen. Er war zuvor auf dem Hörbuch von |LPL records| bzw. |Lübbe Audio| verfügbar.

_Der Autor_

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Edgar Allan Poe – Faszination des Grauens. Erzählungen

Dieser voluminöse Sammelband enthält die bekanntesten Erzählungen von Edgar Allan Poe, wenn auch nicht alle guten. Am bemerkenswertesten und umfangreichsten sind die drei Detektivgeschichten um Poes Meisterschnüffler Auguste Dupin sowie eine Science-Fiction-Novelle über einen abenteuerlichen Besuch auf dem Erdtrabanten.

Der Autor

Edgar Allan Poe (1809-49) wurde mit zwei Jahren zur Vollwaise und wuchs bei einem reichen Kaufmann namens John Allan in Richmond, der Hauptstadt von Virginia auf. Von 1815 bis 1820 erhielt Edgar eine Schulausbildung in England. Er trennte sich von seinem Ziehvater, um Dichter zu werden, veröffentlichte von 1827 bis 1831 insgesamt drei Gedichtbände, die finanzielle Misserfolge waren. Von der Offiziersakademie in West Point wurde er ca. 1828 verwiesen. Danach konnte er sich als Herausgeber mehrerer Herren- und Gesellschaftsmagazine, in denen er eine Plattform für seine Erzählungen und Essays fand, seinen Lebensunterhalt sichern.

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Hohlbein, Wolfgang – Anubis

_Auf Cthulhu-Jagd in Kaliforniens Untergrund_

Mogens VanAndt ist Professor für Archäologie an einer kleinen Provinzuniversität an der amerikanischen Ostküste. Ihm stand einmal eine glänzende Karriere bevor. Doch es gibt einen dunklen Fleck in seiner Vergangenheit, der ihm anhaftet. Da erhält er eine neue Chance – aber ausgerechnet von dem Mann, den er für sein Unglück verantwortlich macht und den er hasst wie sonst keinen. Es geht um die größte archäologische Entdeckung auf amerikanischem Boden: einen unterirdischen Tempel in Kalifornien. Einen Tempel, wie es ihn dort gar nicht geben dürfte. Und das Tor, welches die stummen Tempelhüter bewachen, öffnet den Weg in ein Reich, dessen Schrecken jede Vorstellung übersteigt … (Verlagsinfo)

_Der Autor_

Wolfgang Hohlbein ist seit seinem Mega-Erfolg „Märchenmond“ einer der erfolgreichsten und produktivsten Autoren in Deutschland. Er lebt in Neuss bei Köln zusammen mit seiner Frau und einem ganzen Haus voller Tiere.

_Hintergrund: Der Autor Howard Phillips Lovecraft und sein Cthulhu-Mythos_

Hohlbein schrieb in den achtziger Jahren mit seiner Serie über den [„Hexer von Salem“]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=249 eine Reihe von Romanen in der Tradition H.P. Lovecrafts und griff dabei eine Reihe von dessen Motiven auf. Dazu gehörte vor allem der Cthulhu-Mythos.

Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) wird allgemein als Vater der modernen Horrorliteratur angesehen. Obwohl er nur etwa 55 Erzählungen schrieb, hat sein zentraler Mythos um die Großen Alten, eine außerirdische Rasse bösartiger Götter, weltweit viele Nachahmer und Fans gefunden, und zwar nicht nur auf Lovecrafts testamentarisch verfügten Wunsch hin.

Aber Lovecrafts Grauen reicht weit über die Vorstellung von Hölle hinaus: Das Universum selbst ist eine Hölle, die den Menschen, dessen Gott schon lange tot ist, zu verschlingen droht. Auch keine Liebe rettet ihn, denn Frauen kommen in Lovecrafts Geschichten praktisch nur in ihrer biologischen Funktion vor, nicht aber als liebespendende Wesen oder gar als Akteure. Daher ist der (v. a. der männliche) Mensch völlig schutzlos dem Hass der Großen Alten ausgeliefert, die ihre Welt, die sie einst besaßen, wiederhaben wollen. Das versteht Lovecraft unter „kosmischem Grauen“.

Die Welt ist kein gemütlicher Ort, und Einsteins Relativitätstheorie hat sie mit in diesen Zustand versetzt: Newtons Gott ist tot, die Evolution eine blinde Macht, und Erde und Sonne sind nur Staubkörnchen in einem schwarzen Ozean aus Unendlichkeit. Unter den Großen Alten bildet Cthulhu eine Ausnahme: Er befindet sich immer noch auf der Erde. Am Grunde der tiefen blauen See träumt er von seiner Rückkehr an die Macht, die er einst besaß, und er ruft seine Diener …

_Handlung_

Wie hat es nur dazu kommen können, dass Mogens VanAndt, Professor der Archäologe und immerhin Harvard-Absolvent, an der kleinen Uni des Provinstädtchens Thomson versauert? Das fragt ihn auch sein früherer Kommilitone Jonathan Graves, der ihn eines Tages in seiner Matratzengruft besucht. Gerade hat Mogens von seiner langjährigen Vermieterin Miss Preussler (sie hat keinen Vornamen – im ganzen Buch nicht) quasi einen freundlich verschlüsselten Heiratsantrag erhalten, den er ebenso freundlich abzulehnen gedachte – als Graves hereinplatzt. Und Graves zu ignorieren ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Denn Graves verbreitet eine Aura des Unwohlseins, hat schlechte Manieren und trägt ständig und überall Handschuhe – die sich von selbst bewegen … Miss Preusslers Katze Cleopatra merkt gleich, was das für ein Typ ist – und kackt ihm auf die Schuhe, bevor sie wie ein geölter Blitz abdüst. Wie auch immer: Graves macht seinem alten Studienkollegen unverdrossen ein lukratives Angebot. Er soll mit ihm in Kalifornien ein Höhlensystem erforschen, unter größter Geheimhaltung, versteht sich. Kaum ist Graves weg, muss Miss Preussler angeekelt feststellen, dass alle ihre Zimtplätzchen verdorben sind.

VanAndt fährt mit dem Zug nach San Francisco, mit 500 Dollar Vorschuss in der Tasche. Am Bahnhof holt ihn ein junger Mann namens Tom ab, der sich als Graves‘ Faktotum herausstellt. Er berichtet, dass bislang drei Archäologen an der Grabungsstätte tätig seien, dass man aber ständig durch die feindseligen Geologen gestört werde, die an der nahen San-Andreas-Verwerfung Messungen durchführen. Und Mogens wundert sich, dass es nahebei einen Friedhof mit schiefen Grabsteinen gibt, die im Morast eines Sumpfes versinken. Ein Schauder überläuft ihn kalt.

Tom bringt ihn schon nach wenigen Stunden in die erste Kammer der Grabungsstätte und von dort in einen Geheimgang. Die Reliefs an den Wänden schockieren Mogens: So etwas kennt er nur aus altägyptischen Pharaonengräbern. Überall sind der schakalköpfige Totengott Anubis und andere Mischwesen abgebildet, aber doch irgendwie nicht richtig. Und die Hieroglyphen stimmen bei näherem Hinsehen auch nicht – eine unbekannte Sprache.

In einer düsteren Grabkammer, in der eine ägyptische Totenbarke steht, begrüßt ihn Graves freundlich und führt ihn zu einer geheimen Tempelkammer, die einen weiteren Schock bereithält: Zwei grässlich anzusehende Wächterstatuen (mit dem Kopf von Cthulhu) stehen vor einer Metalltür, hinter dem etwas Böses darauf lauert, herausgelassen zu werden. Graves phantasiert etwas von alten Göttern, die von den Sternen – genauer vom Sirius, dem Hundsstern – kamen und unter anderem die Pyramiden bauten. Mogens ist versucht, ihn auszulachen, kann aber an sich halten.

|Rückblende|

Als Mogens bei einem nächtlichen Ausflug auf dem Friedhof auf ein Ungeheuer mit Schakalkopf, spitzen Ohren und Reißzähnen stößt, erinnert er sich an seinen schlimmsten Alptraum – daran, wie alles Unheil vor neun Jahren begann. Am Vorabend seines Studienabschlusses in Harvard haben sich Mogens, seine Freundin Janice, Jonathan Graves und ein weiteres Paar auf dem nahen Friedhof in einem Mausoleum verabredet. Die ersten drei wollen dem Pärchen Mark und Ellen einen Streich spielen.

Der 28-jährige Mogens begibt sich in den aufgesperrten Keller des Mausoleums. Zu seiner Überraschung findet er dort einen Sarkophag vor, aber zum Glück auch Janice. Leider kommt Mogens eine Sekunde zu spät, um seine Freundin vor dem zu retten, was aus dem Sarkophag steigt: zuerst eine Pranke, dann ein zähnestarrendes Maul, denn der spitzohrige Kopf – ein Ungeheuer, das aussieht wie der altägyptische Totengott Anubis.

Das Monster schnappt sich Janice und verschwindet in einen Geheimgang im Hintergrund der Gruft. Als Jonathan auftaucht und Mogens sich von seinem Entsetzen erholt, ist schon alles vorüber. Ewig wird sich Mogens Vorwürfe machen. Die Strafe, die ihm die Uni-Leitung aufbrummt, ist schwer genug. Er verliert seine Stelle in New Orleans an Jonathan und kann noch froh sein, dass man ihn nicht einbuchtet.

|Gegenwart |

Das war vor neun Jahren. Doch nun präsentiert Jonathan, der gewiefte Versucher, Mogens eine ideale Gelegenheit, sich zu rehabilitieren – sowohl als Archäologe als auch als Mann, der seine Geliebte im Stich gelassen hat, wie er glaubt.

Und in der Tat kann Mogens beweisen, was in ihm steckt, denn die Schrecken, die jenseits der Metalltür Cthulhus lauern, werden ihm alles abverlangen. Aber er erhält Hilfe von völlig unerwarteter Seite.

_Mein Eindruck_

Fällt Hohlbein nichts Neues mehr ein? Die Hälfte des Plots könnte direkt aus H.P. Lovecrafts Erzählungen stammen, besonders aus „Pickmans Modell“, wo es ja um Ghule geht: Leichenfresser. Die andere Hälfte stammt direkt aus „Indiana Jones: Jäger des verlorenen Schatzes“. Die Untersuchung geheimnisvoller Pharaonengräber, die mit unheimlichen Anubisstatuen geschmückt sind, ist ja Indys Spezialität.

Eine dritte Komponente des Plots – direkt aus den 1930er Jahren (man denke an „King Kong und die weiße Frau“) importiert – hat konkret mit Frauen zu tun. Hier wird es dann recht unappetitlich, denn die Menschenfrauen werden entführt und für die Fortpflanzung der Ghule genutzt, was dann recht absonderliche Ergebnisse hervorbringt. Bestimmt, da ist sich Mogens VanAndt sicher, ist auch seine Janice von einem solchen Monster entführt und missbraucht worden. Wiederholt taucht die Gestalt von Janice vor seinen Augen auf, doch das ist sicher nur eine Halluzination, oder? Überhaupt hat Mogens die regste Phantasie von allen Figuren, was uns bezweifeln lässt, dass irgendetwas von dem, was er erlebt, wirklich sein kann.

Immerhin verfügt Mogens überhaupt über eine Charakterisierung. Selbst wenn sie nicht allzu tief geht und sich vor allem in der Konfrontation mit seinem Gegenspieler Jonathan Graves zeigt, so erlaubt sie es doch dem Leser, sich halbwegs mit dieser Figur zu identifizieren, mit Mogens zu bangen und zu staunen. Als auch noch Miss Preussler auftaucht, ist eine weitere Identifikationsfigur gegeben: für weibliche Leser natürlich. Dem männlichen Leser schwant bereits bei ihrer überraschenden Ankunft, dass sie ein leichtes Opfer für die umherstreifenden Ghule sein dürfte. Warum sie aus der Tiefe wieder zurückkehrt, hat einen triftigen Grund … Wahrscheinlich hat sie auch die Ghule mit ihren strenggläubigen Ansichten über Frevel und das Alter der Erde – genau 4000 Jahre – geärgert. Das ist ein netter ironischer Effekt.

Jonathan Graves ist, das muss ich wiederwillig zugeben, der faszinierendste Charakter in dieser Gruppe. Er ist eine Figur à la Goethes Doktor Faust, die sich mit Leib und Seele einem Ziel verschrieb: die Landung der Götter von den Sternen mitzuerleben. Dafür hat er bereits einen hohen Eintrittspreis bezahlt: seine Hände. Er trifft auch rechtzeitig am Landeplatz weit unter der Erdoberfläche ein, nur um dann von der Wirklichkeit bitter enttäuscht zu werden.

Nach den Gesetzen des Genres müsste er für seinen Frevel eigentlich mit dem Leben bezahlen, doch leider sind dies – Miss Preussler weiß es nur zu genau – unchristliche Zeiten, und so darf auch er das Ende erleben. Es fällt aber auf, dass er sich jedes Mal entschuldigt, wenn er mal wieder ausfällig geworden ist. Man sollte meinen, dass die anderen seinen wiederholten Entschuldigungen nicht mehr glauben würden. Sie sind dumm genug, es dennoch zu tun.

Dass Miss Preussler die ganze Zeit nur mit ihrem Nachnamen angeredet wird, passt nicht zu den Gepflogenheiten der Amerikaner. Dort begegnet man sich recht schnell auf einer Vornamens-Basis. Das bedeutet aber nicht, dass man sich wie hierzulande gleich intime Vertraulichkeiten mitteilt. Den deutlichen Unterschied zwischen Sie und Du kennt man dort ja nicht so wie hier. In Amerika hätte die Miss den Männern ziemlich schnell ihren Vornamen angeboten. So klingt es, als gehöre die Miss einer anderen Spezies an. Das macht den Roman noch frauenfeindlicher, als er eh schon ist.

Dass es in den Ghulen eine Spezies von Wesen geben soll, die sich ohne eigene Weibchen fortpflanzt, ließe sich in den Termini des Autors nur so erklären, dass die Götter, allen voran der Meeresbewohner Cthulhu, die Ghule eben so geschaffen haben, dass sie für diesen Zweck auf menschliche Frauen angewiesen sind. Ohne diese Erklärung wäre dies nur Blödsinn. Und natürlich auch die Entführung von Janice, die ja zu Mogens‘ Trauma geführt hat. Und von diesem Punkt ausgehend der ganze Rest des Plots.

An einer Stelle ist sich der Autor seiner eigenen Genrevorgaben so bewusst, dass er dies ironisch zur Sprache bringt. Auf einem unterirdischen Kanal schippert die Gruppe auf einer Totenbarke Richtung Ausgang. Doch was befindet sich im Sarg? Etwa „so eine Art Kastenteufelchen, das die Gefährten kurz vor der sicheren Freiheit noch aufhält“? Es ist die fiese Pflicht des Autors, genau dieses Kastenteufelchen aus dem Sarkophag springen zu lassen (wie schon damals im Mausoleum den Ghul), um genau diese ungläubige Erwartung zu erfüllen. Zeit für den Showdown mit Cthulhu.

_Unterm Strich_

H.P. Lovecrafts Jünger sind offenbar produktiver denn je zuvor. Hohlbeins „Anubis“ gehört, entgegen seinem Titel, ebenfalls zu dieser neuen Welle an Cthulhu-Pastiches, ohne dabei allerdings die Kunstfertigkeit und den Einfallsreichtum des Meisters aus Providence erreichen zu können. Wer also seinen Lovecraft in- und auswendig kennt, kann sich „Anubis“ sparen, denn er findet nur Altbekanntes wieder.

Durch die bekannten Lovecraft-Versatzstücke ist der Roman nur halb so spannend, wie er sein könnte, und ich ertappte mich mehrmals dabei, einfach aufzuhören und etwas Aufregenderes zu lesen. Nur das letzte Drittel mit der Reise in die Unterwelt entschädigt für die ansonsten großteils fehlende Action in vollem Umfang. Hohlbein liefert mal wieder genau das ab, was man von ihm erwartet: solide Unterhaltung für Grusel- und Mystikliebhaber.

Ich finde es seltsam und bemerkenswert, dass die moderne Phantastik wieder an demjenigen Punkt angekommen ist, an dem sie sich bereits vor siebzig Jahren befunden hat. Autoren wie H. P. Lovecraft, Robert E. Howard (der Erfinder von „Conan“), Clark Ashton Smith und vor allem Abraham Merritt lieferten ihrer amerikanischen Leserschaft in Zeiten der wirtschaftlichen Depression bunt zusammengemixtes Fantasy- und Gruselgarn, das diese von ihrer Misere ablenkte und in wolkigste Fantasiewelten entführte.

In diesen Wolkenkuckucksheimen erfüllten sich verruchte sexuelle Wunschfantasien (gerne mit schönen Priesterinnen „verlorener“ Völkerschaften) ebenso wie uneingestandene Ängste, die in schier übermenschlichen Heldentaten bewältigt werden konnten. Cthulhu, Verkörperung höchster Furcht, wurde dabei immer wieder in seine Unterwelt verbannt. Offenbar ist der Bedarf an solchen Geschichten durch den Erfolg von Filmen wie „Indiana Jones 1-3“ geschürt worden, aber sie erfüllen auch ein menschliches Bedürfnis, jetzt ebenso wie damals, in der Großen Depression.

Stephen King – Die Arena. Under the Dome

King auf Speed: Armageddon im Dampfkochtopf

An einem gewöhnlichen Herbsttag wird die Stadt Chester’s Hill in Maine auf unerklärliche Weise durch ein unsichtbares Kraftfeld vom Rest der Welt abgeriegelt. Klingt nach den Simpsons und Marlen Haushofer, ist aber echt: Flugzeuge zerschellen daran, einem Gärtner wird beim Herabsausen der Kuppel die Hand abgehauen, Familien werden auseinandergerissen, Autos explodieren beim Aufprall.

All dies ist nicht sonderlich lustig, doch alle rätseln, was diese Wand ist, woher sie kommt und ob sie bald wieder verschwindet. Ein Entrinnen ist unmöglich, deshalb gehen bald die Vorräte zur Neige. Der bestialische Kampf ums Überleben in dieser unerwünschten Arena tobt zunehmend stärker. Wird es Überlebende geben?

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Saul, John – Die Blackstone-Chroniken (Sammelband)

_Geschenke, die den Horror bringen_

John Saul ist ein gut verdienender Kollege von Stephen King. Und wie dieser wollte er eine schöne Tradition des 19. Jahrhunderts wiederaufleben lassen, den Fortsetzungsroman: Jeden Monat hat eine neue Episode des Romans zu erscheinen. King hatte bei diesem schwierigen und stressigen Unternehmen – der Autor kennt am Anfang den Ausgang nicht, steht aber unter Termindruck – mit „The Green Mile“ einen triumphalen Erfolg erzielt, der mit Tom Hanks verfilmt worden ist. Ob John Saul mit diesem Unternehmen Erfolg hat, werdet ihr gleich erfahren.

_Teil 1: Die Puppe_

|Auge um Auge, Zahn um Zahn|

Bedrohlich ragt das leer stehende Irrenhaus über der neuenglischen Kleinstadt Blackstone auf. An seiner Stelle soll ein modernes Einkaufszentrum entstehen, um der Stadt neuen Wohlstand zu bringen – und wohl auch Vergessen. Doch als die erste Mauer fällt, erwacht in dem alten Gemäuer etwas Unheimliches wieder zum Leben. Eine dunkle Gestalt hat Böses im Sinn, schleicht durch die Straßen Blackstones und verteilt geheimnisvolle Geschenke mit einer grauenvollen Vergangenheit, einer Vergangenheit, die die braven Bürger nur zu gern vergessen würden. Denn in der Irrenanstalt haben sich einst zahlreiche Verbrechen ereignet.

Unerwartet wird der Bankkredit für Bauunternehmer Bill McGuire gesperrt. Der Banker, Jules Hartwick, kann nichts dafür, die Zentralbank steckt angeblich dahinter. Doch für Bill hat das schlimme Folgen, schließlich hat er eine kleine Tochter, Megan, zu ernähren und eine Frau, Elizabeth, die bald ihr zweites Kind erwartet.

Die wunderschöne Puppe, die eines Tages ohne Absender bei ihm abgegeben wird, interessiert ihn nicht, denn er muss sich um einen neuen Auftrag in der Nachbarstadt kümmern. Dafür ist Megan jedoch umso begeisterter von dem Geschenk. Und auch Elizabeth erliegt allmählich dem unheimlichen Einfluss des blondgelockten Wesens. Die Rivalität zwischen Elizabeth und ihrer Tochter nimmt zu, und als Megan vom Regal stürzt, auf das ihre Mutter die Puppe gelegt hat, verliert Elizabeth durch die Anstrengung bei der Beseitigung des Regals ihr Baby.

Kaum heimgekehrt, nimmt Elizabeth die Puppe an Kindes Statt an, ganz so, als sei sie ein lebendiges Kind. Bill hält seine Frau für wahnsinnig, der Arzt jedoch nicht. Ihre boshafte Tochter sinnt unterdessen auf Rache.

Der Cefredakteur der Lokalzeitung, der junge Oliver Metcalf, erinnert sich in unwillkürlichen Flashbacks an Szenen aus dem Irrenhaus. Er lebte dort in einem kleinen Häuschen unweit von dessen Eingang. Er bekommt mächtige und offenbar permanente Kopfschmerzen.

_2. Teil: Das Medaillon_

|Unrecht‘ Gut gedeiht nicht gut|

Diesmal trifft es den Bankier, Jules Hartwick, den wir schon im ersten Band kennen gelernt haben. Er bekommt ein silbernes Medaillon geschenkt, auf dem seine Mutter Louisa zu sehen ist – aber nicht alleine! Der Mann neben ihr ist Malcolm Metcalf, einst Direktor der Irrenanstalt und Vater Olivers, des lokalen Zeitungsverlegers. In geistiger Umnachtung versucht Jules, seine Frau Madeline umzubringen – offenbar verdächtigt er sie ebenfalls der Untreue. Wenig später muss Oliver Metcalf mit ansehen, wie sich Hartwick vor dem Portal der Irrenanstalt ein Messer in den Bauch stößt und stirbt. Seine letzten Worte zu Oliver lauteten: „Sie müssen es aufhalten … bevor es uns alle umbringt.“

Oliver Metcalf hat weitere Flashbacks mit Szenen aus der Irrenanstalt. Sie zeigen ihn selbst als kleinen Jungen, der einer Behandlung unterzogen wird.

_Teil 3: Der Atem des Drachen_

|Asche zu Asche|

Die Racheakte gegen die Bürger von Blackstone treffen diesmal die Familie von Martha Ward, einer alten Frömmlerin. Einst brachte ihr Vater ihre Schwester ins Irrenhaus, nachdem diese von einem jungen Mann, der sie sitzen ließ, geschwängert worden war. Ihre Schwester bekam das Kind, es wurde ihr jedoch vom Anstaltspersonal auf Verlangen ihres Vaters weggenommen und verbrannt. Wenig später hatte sich Marthas Schwester aus Verzweiflung selbst verbrannt – mit Hilfe eines Feuerzeugs in Gestalt eines chinesischen Drachen, das ihr Martha einmal geschenkt hatte.

Nun, einige Jahrzehnte später, ist das Feuerzeug zurückgekehrt. In Marthas Haus lebt nur ihre 21 Jahre alte Nichte Rebecca, die Oliver Metcalf zum Freund gewinnt. Rebecca kauft das Feuerzeug auf dem Flohmarkt, um es ihrer Kusine Andrea anlässlich ihrer Rückkehr zu schenken. Andrea ist in den Augen ihrer Mutter, also Marthas, ein verlorenes Lamm, das sie verließ, um in Sünde zu leben.

Kaum einen Tag zurück, lässt Andrea ihr Baby abtreiben – eine weitere Todsünde in Marthas Augen. Eine tiefe Kluft zwischen Mutter und Tochter tut sich auf. Ob aus Verzweiflung und Absicht oder aus Versehen – eines Nachts versucht sich Andrea zu verbrennen, genau wie damals Marthas Schwester.

Oliver Metcalf hat nun außer Flashbacks auch noch stärker werdende Kopfschmerzen. Aber sein Arzt versichert ihm, es sei kein Tumor.

_Teil 4: Das Taschentuch_

|Eine Schlangengrube|

Vor einem halben Jahrhundert war Clara Wagner ein Mitglied des Dienstpersonals in der Irrenanstalt von Blackstone (vgl. Band 1-3). Sie hatte damals der schizophrenen Insassin Lavinia Willoughby, einer Dame der feinen Gesellschaft, ein handbesticktes Taschentuch mit dem Monogramm >R< weggenommen. Wenig später hatte sich Mrs. Willoghby umgebracht.

Nun taucht das Taschentuch auf dem Speicher von Oliver Metcalf in einem alten Aktenordner der Anstalt auf. Zufall oder Absicht? Wie auch immer, Oliver ist glücklich, seiner Angebeteten Rebecca (die mit dem R) das Taschentuch schenken zu können. Doch Rebecca wird es gleich wieder los – an Germaine Wagner, die Tochter von Clara Wagner. Beide haben Rebecca aufgenommen, nachdem Rebeccas Mutter, Martha Ward (Band 3), sich selbst verbrannt hatte. Leider missbrauchen sie die dankbare junge Frau als Putz- und Haushaltshilfe ohne Lohn.

Germaine wiederum schenkt das Taschentuch ihrer Mutter. Die erkennt es wieder, verbindet damit schlechte Erinnerungen und gibt es ihrer Tochter zurück. Germaine sieht daraufhin Hirngespinste wie etwa Insekten und Ratten, die sie angreifen, und die Eingangshalle hat sich in eine Schlangengrube verwandelt. Auf der Flucht versteckt sich Germaine im Schacht des Hausaufzugs – bis ihre Mutter auf die Schreie im Haus reagiert und mit dem Aufzug hinunterfährt …

Rebecca entflieht den Schreien und dem Schrecken im Haus der Wagners in Richtung von Olivers Haus, doch eine Hand mit Gummihandschuhen hält sie auf.

Oliver Metcalf, so erinnert er sich nun, war einst Opfer der Behandlung mit Elektroschocks. Weil dabei die Elektroden an seinem Kopf angebracht waren, hat er heute noch Kopfschmerzen. Man erfährt mehr über die Sippe der Metcalfs. Der 19. März scheint ein verhängnisvoller Tag zu sein. Und dieser Jahrestag ist nahe …

"Das Taschentuch" ist weitaus besser und sorgfältiger konstruiert als die Vorgängerbände. Die Psychologie ist ausgefeilter, und der Leser erhält tiefe Einblicke in die Vorgeschichte der Direktoren der Irrenanstalt bzw. ihrer Verwandten.

_Teil 5: Das Stereoskop_

|Der Tag der Abrechnung|

In der fünften Folge erfährt der Leser, dass die junge Unschuld Rebecca Morrison in die Hände des dunklen Unbekannten gefallen ist, der in der alten leer stehenden Irrenanstalt sein Unwesen treibt. Natürlich ist ihr Freund, Oliver Metcalf, außer sich vor Sorge um sie. Tagelang suchen er und die Polizei nach ihr, doch vergebens. Schließlich muss Oliver der nackten Wahrheit, die ihm so lange schon Kopfschmerzen bereitet hat, ins Auge sehen. Er besucht seinen Großonkel Harvey Conally und erfährt, dass er selbst am Tode seiner kleinen Schwester Mallory schuld war! Das Messer, das damals, 1956 – sie waren gerade vier Jahre alt -, eine Rolle spielte, dürfte im letzten Band von Bedeutung sein …

Der Anwalt für Zivilverfahren, Ed Becker, war bis vor zehn Jahren Strafverteidiger und verhalf so manchem schuldigen Kindermörder wieder zur Freiheit. Doch dem Prinzip des Fluchs der bösen Tat folgend, naht der Tag der Abrechnung – so der Originaltitel dieses Buchteils.

Als Ed in der schönen alten Kommode aus der Irrenanstalt ein Stereoskop entdeckt, ist seine fünfjährige Tochter Amy ganz begeistert. Mit dem altmodischen Spielzeug kann sie die beiliegenden Fotografien dreidimensional betrachten. Doch etwas ist merkwürdig: Alle Aufnahmen zeigen Eds eigenes Haus, wie es zu Zeiten seines Großvaters ausgesehen haben muss. Es scheint ein kurioser Zufall zu sein, doch schon bald wecken die Bilder allzu realistische Albträume.

Ed träumt, vor Gericht zu stehen, weil er Amys geliebten Hund überfahren habe. Schon am nächsten Morgen bewahrheitet sich seine Befürchtung. In der darauf folgenden Nacht träumt er, von seinem verrückten Großonkel Paul, der in der Irrenanstalt umkam, erschossen zu werden. Gerade noch rechtzeitig rettet er seine Familie aus dem Haus, bevor sich im Keller eine Gasexplosion ereignet. Kein Feuer bricht aus, doch die Kellerwände sind mit roter Farbe bespritzt, die wie Blut aussieht. In der dritten Nacht träumt Ed von seinem eigenen Tod …

_Teil 6: Das Irrenhaus_

|Überraschendes Finale| (VORSICHT: SPOILER!)

In der letzten Folge finden fast alle Rätsel ihre Auflösung. Der Leser fragte sich ja die ganze Zeit, wer die dunkle Gestalt ist, die die Geschenke verteilt und die Straßen der Kleinstadt unsicher macht. Nun, nachdem auch Harvey Connally, der Großonkel Olivers, ein Geschenk erhalten hat – ein Rasiermesser -, muss er Oliver die "Wahrheit" beichten: Oliver habe seine kleine Schwester Mallory im Alter von vier Jahren umgebracht. (Das erfuhr Oliver schon in Teil 5.) Melodramatisch stirbt Harvey nach diesem Geständnis.

Oliver denkt sich sein Teil und erinnert sich an die Behandlung, die ihm sein Vater widerfahren ließ, nachdem Oliver angeblich Mallory mit dem bewussten Rasiermesser die Kehle durchgeschnitten hatte. Oliver wird klar, dass dies sein Vater selbst getan hatte. Er bläute jedoch Oliver ein, er sei der Mörder gewesen. Diese Verdrängung der Wahrheit verursachte Olivers Kopfschmerzen und Blackouts.

In einem Versuch, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen, betritt Oliver mit dem bewussten Messer die Irrenanstalt. Albtraumhafte Visionen suchen ihn heim, die ihn dazu bringen, die am früheren Tatort liegende Rebecca beinahe zu töten. Doch als er "nur" ihre Fesseln durchschneidet, sieht es für sie so aus, als habe er sie befreit. Dies erweist sich als pure Ironie.

Dem Sheriff gegenüber gesteht Oliver, dass er selbst es war, der unter dem posthypnotisch eingegebenen Zwang seines Vaters all die verhängnisvollen Geschenke verteilt hatte. Doch niemand in der Stadt hält Oliver, den Retter Rebeccas, dieses Verhaltens für fähig. Lieber geben sie dem toten Harvey Connally die Schuld. Dies ist die zweite Ironie.

_Mein Eindruck_

Die Handlung folgt dem altgedienten Muster des Horror-Romans: Ein Fluch liegt über den Einwohnern einer abgelegenen Kleinstadt – und so wie in Kings "The Fog" (verfilmt von John Carpenter) oder "In einer kleinen Stadt" müssen die Bürger für Sünden der Vergangenheit zahlen, meistens mit ihrem Leben. Es findet das alttestamentarische Prinzip der Rache Anwendung: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Die späte Vergeltung wird vom dunklen Rächer in Gang gesetzt, als die Verbrechen nach fünfzig Jahren in Vergessenheit zu geraten drohen. Der Fluch der bösen Tat, um Schiller zu zitieren, verlangt nach Sühne. In Band 1 ist es der Tod von Olivers Tante Laurette in der Irrenanstalt. Ihr Mann hatte ihr ihren Sohn weggenommen, weil sie ihn immer in Mädchenkleider gesteckt hatte.

Diesem einfach gestrickten Prinzip folgt der Autor mit einem relativ simplen Handlungsverlauf – das Ende ist meist vorauszusehen – wie auch mit ebensolchem Stil und sprachlichem Ausdruck. Geschickt versteht er es jedoch, Spannung aufzubauen, indem er nur kleine Häppchen Information preisgibt.

Ab Teil 5 wird John Saul immer besser. Es sind nicht einmal die gruseligen Spezialeffekte, die nun den Horror, der über der Stadt und ihren Bürgern liegt, ausmachen. Es ist vielmehr die sich steigernde Beklemmung, die aus den psychologischen Phänomenen erwächst: Albträume, Flashbacks, üble Gerüchte usw. Schon ahnen die Bürger, dass ein Fluch auf ihnen liegt – den selbst der Sheriff nicht mehr lustig findet. Die Fortsetzungen streben ihrem Höhepunkt zu. Dann dürften neue grausige Wahrheiten ans Licht kommen, so etwa über die meist tödlichen Experimente, die Oliver Metcalfs Vater als Anstaltsdirektor mit den Patienten anstellte …

Sehr schön sind die Namen: Der Sheriff heißt Driver, der Feuerwehrhauptmann Schulze, der Bauunternehmer McGuire und der Anwalt Becker. So vermittelt der Autor ein Bild von der nationalen Herkunft und Vielfalt der Bürger, charakterisiert sie aber gleichzeitig: McGuire ist ein schottischer Name, der für Zupacken und Sparen steht; Becker steht jedoch eher für deutsche Tugenden: akademische Bildung, handwerkliches Können, das Beste im Beruf geben, leider aber nicht für Sparsamkeit (Ed hat für die Kommode zu viel bezahlt). Alle Namen von "guten" Frauen enden auf A: Rebecca, Clara, Martha, Melissa usw. (Olivers Mutter hieß Olivia.) Die weniger mit weiblichen Tugenden ausgestatteten Damen tragen hingegen Namen wie Germaine, Janice oder Lois. Zufall oder Absicht? Bei einem professionellen Autor wie Saul darf man getrost Absicht unterstellen.

Sehr gelungen finde ich die Verwendung von Ironie im letzten Band. So etwas findet man in Horrorromanen leider allzu selten. Insgesamt liest sich der Gesamtroman recht flott und leicht, doch es ist ein deutlicher Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Hälfte festzustellen. Die zweite legt mehr Wert auf Psychologie und inneres Erleben, wohingegen die erste noch verhältnismäßig stark an oberflächlichen Aktionen und plumpen Genretricks (Puppen, Talismane usw.) interessiert war. Basiert die erste Hälfte auf dem Alten Testament, so orientiert sich die zweite an Edgar Allan Poe (Blackouts, schwache Konstitution, die Rolle Rebeccas) und der Psychologie nach Freud (Schwestermord, posthypnotische Befehle).

In seinem ausführlichen Nach- und Dankeswort gesteht John Saul, sich durchaus einiger Fehler und Widersprüche bewusst zu sein, die sich im Laufe der Arbeit an den sechs Buchteilen eingeschlichen haben. Dies muss man ihm nachsehen – es war ein schwieriges Unterfangen, und offensichtlich nicht das letzte dieser Art. Danach versuchte sich auch Bestsellerautor Wolfgang Hohlbein an der Form des Fortsetzungsromans. In ["Intruder"]http://www.buchwurm.info/book/anzeigen.php?id__book=144 schickte er ein paar deutsche Männer in die raue Wüste Arizonas, wo es nicht ganz geheuer ist.

|Originalausgabe 1997
Aus dem US-Englischen übertragen von Joachim Honnef|

Jim Turner (Hrsg.) – Spur der Schatten – Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos

Für HPL-Fans: Cthulhu, die Anstandsdame

„Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos“ verspricht der Herausgeber mit diesen 18 Erzählungen und Novellen. Das Ergebnis ist jedoch recht durchwachsen. In jedem Fall ist dem Leser anzuraten, sich vorher gut im Werk H. P. Lovecrafts, des Phantasten aus Providence (im folgenden ‚HPL‘), auszukennen, um alle Insider-Witze mitzubekommen.

Jim Turner (Hrsg.) – Spur der Schatten – Neue Geschichten aus dem Cthulhu-Mythos weiterlesen

Errol Lecale – Das Geheimnis der Totenkiste [Eli Podgram 4]

Ein uralter Vampir, der zu allem Überfluss über magische Kräfte verfügt, geht im England des späten 19. Jahrhunderts an Land. Bald stapeln sich buchstäblich die blutleer gesaugten Leichen. Während die Polizei wie üblich im Dunkeln tappt, setzt sich Okkult-Spezialist Eli Podgram auf die Fährte des Ungeheuers, das ihn freilich schon erwartet … – Band 4 einer Serie um den ‚Geister-Detektiv‘ Podgram bietet nie originellen und vordergründigen, aber durchaus kompetent erzählten Trivial-Grusel, dem die Zeit (deshalb) überraschend wenig anhaben konnte. Errol Lecale – Das Geheimnis der Totenkiste [Eli Podgram 4] weiterlesen

Josh Malerman – Bird Box. Schliesse deine Augen

Mysteriöse Wesen, deren Anblick jeden Menschen in den Tod treibt, haben die Erde besetzt. Nur kleine Menschengruppen überleben, weil sie sich verstecken und ihre Augen bedecken, wenn sie sich ins Freie wagen. Malorie und ihre beiden Kinder müssen ihr Haus verlassen und über einen Fluss eine neue Heimstatt erreichen … – Das Grauen bleibt stets unsichtbar und deshalb besonders erschreckend. Für echte Schreckensmomente sorgt beinahe ausnahmslos der Mensch. Die simple, aber gut entwickelte Idee wird zudem nicht ausgewalzt: spannendes Grusel-Kammerspiel. Josh Malerman – Bird Box. Schliesse deine Augen weiterlesen

Robert Brown – Der letzte Atemzug

Als eine Seuche die USA mit tollwütigen Kannibalen überschwemmt und in Anarchie stürzt, schlägt die Stunde von Survival-Freak Eddie Keeper, der frei von Justiz, Moral u. a. Schwächen einer neuen Welt seinen Stempel aufdrücken, d. h. nicht nur die Zombies, sondern auch Kriminelle und liberale Weichlinge ausrotten kann … – Trivialliterarisch werden hier die Primitiv-Träume derer wahr, die den Weltuntergang nicht nur erwarten, sondern herbeisehnen, um anschließend eine Grunz-Nation nach fundamentalistischen Vorgaben zu gründen: selbstentlarvender Dumpf-Schund. Robert Brown – Der letzte Atemzug weiterlesen

Brian Lumley – Necroscope 2 – Vampirblut

Dramatische Schlacht der Totenbeschwörer

Die Wege von Harry Keogh, dem Nekroskopen, und Boris Dragosani, dem Nekromanten, kreuzen sich in diesem zweiten Band der über ein Dutzend Romane umfassenden „Necroscope“-Serie, die hierzulande exklusiv bei |Festa| erscheint. Die Konfrontation der beiden ist unausweichlich. Doch beide kämpfen nicht alleine, sondern mit Unterstützung (un)heimlicher Verbündeter.

_Der Autor_

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